Danke für die Gabe. Was Amerikas Pilgerväter einst zum Erntedank segneten, hat nur noch einen Hauch an Relation zum derzeitigen Verschleiss gezüchteter Truthähne. Die kürzlich erschienene Studie der USDA (Amt für Agrarwirtschaft) schockt nicht nur Tierliebhaber. 346’000 Tonnen Truthahnfleisch landet pro Jahr anstatt in amerikanischen Mägen im Abfall. Also ein gutes Drittel. Damit die gefiederten Fleischberge auf Krallen genügend gross und feist werden, wird so viel Wasser vernichtet, wie die Bewohner von New York City in hundert Tagen aufbrauchen. Die Treibhausgasemissionen für die Zucht der weggeworfenen Puten entspricht etwa 800’000 Autofahrten von Amerikas Ost- zur Westküste. Ein spezieller Grund für den unsittlichen Fleischabfall ist „Thanksgiving“. Als erste europäische Siedler in der neuen Welt gegen harsche Winter kämpften und überlebten, wurde aus lauter Dankbarkeit ein virtueller Schrein errichtet. Beim jährlich stattfindenden Thanksgiving preist man seither die Gaben, die einem der Boden bietet. Aktuell dürfen die Preisungen aber auch von solchen Banalitäten abweichen. Wer weiss denn noch, woher seine Kartoffel kommt? Beim umgewandelten Familientreff würdigt man nun gute Schulzeugnisse, mehr Jobs oder eine neue Krankenversicherung. Ob die Erfinder die Indianer, die eingewanderten Engländer oder die Kanadier waren, darüber wird immer noch diplomatisch debattiert.

Nach meinem ersten Aufenthalt in Amerikas urbanem Moloch Los Angeles (Link zu Artikel „Per Gesetz garantierte Sonne), fühle ich mich gewappnet, Relevantes von Unsinnigem elegant zu tranchieren. Ich verzichte reuelos auf Botoxhausens Highsociety-Bummelwege, wo der Einlass in die Boutiquen einem telefonisch vereinbartem Termin bedarf und pro Flacon Parfüm ein moderater Monatslohn geraubt wird. Stattdessen schlendere ich begleitet von Kunstschneegeriesel durch den „Grove“, einem beliebten Shoppingviertel mit integriertem Feinschmeckermarkt. Heute ist „Black Friday“, der Freitag nach Thanksgiving, offizieller Auftakt zum Weihnachtfieber und Amerikas konsumintensivster Tag. 2013 haben die Amis rund 57 Milliarden Dollar während des Black Friday ausgegeben, umgerechnet ca. 200 Dollar pro Kopf. Da wird einem doch warm ums Herz.

Auf der hippen Melrose Street treffe ich auf Hunde mit Punkfrisur, geschniegelte Juppies im offenen Rolce Royce sowie schrille Klamottenläden mit Fokus auf Marke und krasse Hiphop-Outfits. Hier wird ein Grossteil der Nachfrage der Bling Bling-Jünger gestillt. Die Hosen hängen tief, auch wenn sich wohl kaum jemand daran erinnert, wieso sich dieses Phänomen zur urbanen Modeerscheinung wandelte. Überführte Kriminelle werden auf dem Weg ins Gefängnis diverser Habseligkeiten entledigt. Da bereits zu viele Insassen unerwartet an einem Gürtel erstickt sind, sperren die wohlgesinnten Wärter diese vorsorglich weg, was das anschwellende Gros an purzelnden Hosen bei entlassenen Häftlingen erklärt. Die Gefängnismode wird jedoch immer mehr zur Provokation für die prüde US-Gesellschaft. So schaffte es in Miami seit kurzem ein offizielles Gesetz in die Exekutive, das Träger hängender Hosen finanziell bestraft. Auch die Vergangenheit des guten alten Kapuzenpullover entsprang einem exotischen Ort, und zwar der frostigen Kälte New Yorker Tiefkühlbetriebe. Dort wurde der Hoodie als Arbeitskleidung und Kälteschutz entwickelt.

„The Gang Capital of America“, ein etwas unvorteilhafter Spitzname für die Stadt der Engel. Knapp 1’250 Strassengangs mit über 120’000 Mitgliedern treiben in Los Angeles ihr organisiertes Unwesen. Neben all den Mafiosis und Hispanic-Gangs, wird vor allem über die besonders blutrünstige afroamerikanische „Bloods und Crips“ geflüstert. Einen Durchblick über L.A.’s Unterwelt zu bekommen ist schwierig. Es kommt bis zum heutigen Tag sowohl zwischen einzelnen Gangs als auch zwischen Bloods und Crips selbst regelmässig zum blutigen Meinungsaustausch. Kein Wunder schimmeln derzeit rund 100 Mitglieder dieser Gangs in kalifornischen Todeszellen. Die Anfänge vieler Strassengangs  führen zurück in die 1960er Jahre. Zu dieser Zeit war das „South Central“ von Los Angeles besonders vom wirtschaftlichen Niedergang geprägt, verarmte und ghettoisierte. Ein fruchtbarer Boden für organisierte Kriminalität, der bis heute besteht.

Nach Tagen der Völlerei in kreativen Restaurants bekomme ich Lust auf Sport. So erbeute ich mir die schlechtesten Plätze für ein Spiel der L.A. Lakers. Dank der Grösse der Hühnen spielt die Distanz zum polierten Parkett jedoch nur eine marginale Rolle. Torontos Raptoren sind zu Gast. Einmal dem quirligen Shooting Guard Kobe Bryant alias „Black Mamba“ beim Gummiballwerfen zuschauen, das soll erlebt sein. Kaum eine Millisekunde wird dem Zuschauer zur Entspannung gegönnt, jegliche Reize sind permanenter Überflutung ausgesetzt. Timeouts gehen fliessend über zu psychodelisch zappelnden Cheerleaders mit penetrantem Dauerlächeln, die Kuss-Kamera folgt in Viertelpausen, Tanzeinlagen euphorisierter Fans ergänzen Werbeschaltungen. Und ganz nebenbei; Basketball. Ironischerweise wird der langersehnte Strandtag in Venice Beach von einer Weltuntergangsstimmung dunkelschwarz getrübt. Es schüttet in Los Angeles das erste Mal seit 10 Monaten. Somit fällt heute das Stöhnkonzert der Bizepskönige an der Muscle Beach ins Wasser, auch die teebeutelgrossen Bikinis bleiben zu Hause. Dass in den Stadtteilen Beverly Hills und Malibu ein Konzentrat an „reich und schön“ haust, sollte aufgrund des ganzen Celebrity-Klatsches und manch eines Hollywoodstreifens durchgedrungen sein. Ausser der von mexikanischer Sorgfalt gepflegten Gärten ist aber meist nicht viel erkennbar. Also mache ich es mir gemütlich zu einer Lektüre des Magazins „Home and Land of Malibu und Beverly Hills“, um herauszufinden, welche der gerade verkäuflichen Luxusvillen unseren Anforderungen entspricht. Wer die 15 Millionen für den Palast mit Salzwasserpool, Spa, direktem Strandzugang, separatem Gasthaus, Fitnessraum, 359 Grad Meeresblick und die 10 Badezimmer nicht hinblättern will, kann mit dem geschniegelten Makler immer noch über die voreingerichtete Supervilla für bis zu 120’000 Dollar (im Monat!) feilschen.

Zur Bildgalerie von Los Angeles (Mitte August/ Ende November)

Kurvig wie ein verwickeltes Kopfhörerkabel führt die Bergstrasse zum dicken Obelix unter den Bäumen, dem 2’200 Jahre jungen „General Sherman“. Ein Bergmammutbaum mit elf Metern Durchmessser der Marke Sequoia. Kein anderes Geäst beinaltet so viel Holzmasse. Am Fusse der Riesen im Sequoia Nationalpark fühlt man sich klein und unbedeutend, haben die meisten von ihnen doch schon um die 30 Generationen von Zweibeinern überlebt. Glücklicherweise. Damit sich die Sequoias vermehren, braucht es Waldbrände. Die winzigen Samen keimen nur in einem nackten und mineralhaltigen Boden. Bevor der Mensch der brenzligen Situation Herr wurde, fegte hin und wieder ein grossflächiges Feuer über das Land. Alles ganz natürlich. Die konsequente Feuerunterdrückung der Parkwächter führte zu höherem Konkurrenzkampf unter den Bäumen, Neulinge verlangten plötzlich Asyl. Die Fortpflanzung und Entwicklung des Waldes, insbesonders der Sequoias wird nun seit längerem nicht mehr der Natur überlassen. Jährlich legt der National Park Service künstliche Brände, welche die natürliche Waldbrände simulieren und die Wachstumsbedingungen des Waldes verbessern sollen.

Zur Bildgalerie vom Sequoia Nationalpark

Ich bleibe bei korpulenten Launen der Natur und fiebere 2’500 Meter weiter unten mit bei der Bruft paarungswilliger Seeelefanten. Ein aberwitziges Schauspiel. Man stelle sich eine gerüsselte 2,5 Tonnen Wurst vor, die sich unbeholfen auf ein grantiges Weibchen hievt, das mit allerlei Flossen wedelt und dabei angewidert grunzt. Vorbei an idyllischen Weingütern, Leuchttürmen, steilen Kliffs und einsamen Stränden gondel ich nördlich auf dem Highway 1 in Richtung San Francisco. Eine Erlebnisroute mit unzähligen kulinarischen wie visuellen Highlights und Städtchen mit Kultcharakter wie Monterey und Santa Cruz.

Zur angereicherten Bildgalerie vom Highway 1 (Mitte August/ Ende November)

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