Man könnte meinen, dass eine triviale Schwarmintelligenz die Menschen aus aller Welt in das Epizentrum der Unterhaltung führt. Der pittoreske Traum, durch Glückspiel schnellen Reichtum zu erhaschen, ist uralt. Auch wenn damals noch keine Leuchttafeln oder blendende Neonfassaden auf das erspielbare Glück aufmerksam machten, Zockerei gab es gemäss aktuellem Stand der Wissenschaft bereits 3’000 Jahren v. Chr. Damals wurde in China mit sechsseitigen Würfeln aus Elfenbein und Knochen gespielt.

Nach Wochen des minimalen Konsums wage ich es, die sandige Metropole Las Vegas beherzt als brachialen Kulturschock bezeichnen. Die Wahlheimat von Tiger-Herrchen Sigfried und Roy, Frank Sinatra und der Truppe vom Cirque du Soleil kommt schrill, protzt und fordert heraus. Die Zielperson ist jedermann mit einem durchschnittlichen Spielbudget von 300 Dollar. Mein Blick wandert zu all den bedauernswerten Rentnern, die stundenlang mit den Slotmaschinen kopulieren und unbewusst die Unterhaltskosten der Casinos sichern. Generell entspricht weder die erlebte Gestik noch die Mimik dem Werbeversprechen lachender und erfolgreicher Schönlinge, welche all die Kommunikationsflächen zieren. Ich versuche mein Glück mit dem wohl grössten Zufallsspiel aller Zeiten. Dem guten alten Roulette. Der Liebling unter den Gutbetuchten der Renaissance. Niemand nimmt Einfluss auf das Resultat, ausser vielleicht die Gravitation. Schickt der Croupier erst einmal das Kügelchen in das Zahlenrad und spricht die französischen Zauberworte, ist alles still. Jeder bangt. Ein Blick zu den farbenfrohen Jetontürmchen, die meist auf der falschen Tischseite warten. Im Vorfeld habe ich mir eine makellose Strategie überlegt. Mathematisch vollkommen. Das Casino „Route 66“ in Albuquerque hat mich ja in Sachen Glück neu belehrt. Gar überrascht. Doch seit Dostojewski’s Buch „Der Spieler“, sei einem gelehrt, dass schlussendlich niemand vor Spielsucht und Untergang gefeit ist. So unterstütze ich das hiesige Resort von „Roulettenburg“ und dessen Spielgeld an der New York Stock Exchange. Mit heraushängenden Hosentaschen ziehe ich durch Las Vegas Glimmerwelt. Die Sonnenbrille stets im Anschlag, sie wäre auch nachts nicht fehl am Platz.

In Vegas scheint der Gigantismus keine Grenzen zu haben. Wer jedoch denkt, die Stadtplanung entsprang einem ausgefeilten Entertainment-Masterplan oder gar der Handschrift des Teufels, liegt falsch. Vor knapp einem Jahrhundert wurde an einem Schienennetz durch die westliche Wüste Amerikas geschraubt und ein Grossteil Nevadas erschlossen. Wasser musste her, das mit dem mächtigen Hoover-Damm aufgestaut wurde und Arbeiter in die staubige Region brachte. Ein Arbeitercamp entstand. Aufgrund der Legalisierung des Glücksspiels in Nevada als einzigem US-Bundesstaat, erlebte die Stadt einige Jahre vor dem zweiten Weltkrieg eine Masslosigkeit an Bauboom. In erster Linie engagierten sich zuversichtliche und schmierige Mafiafinger mit dem Bau der Zockerpalästen. Clever! Niemand dachte damals an die grössenwahnsinnige Entwicklung und die zurzeit 40 Millionen Besucher, die jährlich in die Neonstadt strömen. 85 Prozent davon sind Wiederholungstäter. Rund 300 Jahre würde es dauern, um in jedem der 150’000 Hotelzimmer in Vegas zu übernachten. 18 der 20 Hotels mit den meisten Betten weltweit tummeln sich in Nevadas Wüste.

Durften sich hier vor allem chinesische Architekten austoben? Die Kopien vom Münchner Hofbräuhaus, dem Canale Grande aus Venedig, der New Yorker Freiheitsstatue oder auch dem Eiffelturm machen ihren Originalen kitschige Ehre. Willkommen auf dem Strip von Las Vegas, der komprimierten Alleswelt. Paare, die sich also bei der Ferienplanung nicht einig sind, können sich getrost auf Las Vegas konzentrieren. Zuerst ein Croissant im Mini-Eiffelturm, dann etwas romantisches Gegondel im verchlorten Schmuddelwasser zu italienischer Folklore und am Abend dann die lange ersehnte Heirat in einer Drive-thru Kapelle. Wie süss! Pro Jahr geben sich mehr als 100’000 Pärchen das Ja-Wort in „Sin City“. Ein Prozess von lächerlichen dreissig Minuten inklusive aller Formalitäten. Und wenns nicht passt, kann man sich ja einige Meter weiter wieder scheiden lassen und die zur Vermählung geschenkten Spieljetons verprassen. Tatsächlich ist Nevada Anführer der Scheidungsliga, was aber wahrscheinlich eher mit der Ballung der Heiratswut zu tun hat und Nevadas profunder Scheidungsbürokratie.

Die Hälfte aller Ehen in Amerika nehmen kein gutes Ende. Ein trister Weltrekord! Zweitehen harzen sogar noch mehr. Als Schweizer muss zwar auch ich mit 41 Prozent Scheidungsquote Farbe bekennen. Scheidungen in den USA verlaufen emotional wie finanziell brutal. Vor allem da Amerikas Scheidungsanwälte mit ihren Mandanten Erfolgshonorare vereinbaren dürfen. In den US-Charts der „meistgehassten Berufsgruppen“ belegen sie mit deutlichem Vorsprung vor den Investmentbankern Platz eins. Seit der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten entschieden hat, dass Anwälte für ihre Dienste werben dürfen, verschlechtert sich das Image konstant. Drei Viertel aller Amerikaner glauben inzwischen, es gäbe zu viele gierige Advokaten im Land.

Las Vegas ist neben seinen Gourmettempeln auch für kreative Buffets in aller Munde. Praktisch jedes Resort lockt mit einem reichhaltigen Brunch oder Dinner getreu dem Motto „all you can eat“. Ich teste zwei Prunkbuffets, nähre mich wie einst Roms Adel. Klar, dass man sich auf dem Weg dorthin zuerst durch unzählige Spielautomaten kämpfen muss. Die Legende besagt, es gäbe in Las Vegas einen Hamburger, der so gross ist, dass sogar David Copperfield Mühe hätte, diesen wegzuzaubern. Satte 9’900 Kalorien beheimatet das Gebilde aus einem Kilogramm Hack, zwölf Streifen Speck, zehn Scheiben Käse, einer ganzen Tomate, garniert mit in Schweineschmalz frittierten Pommes. Das „Heart Attack Restaurant“ steht für seinen Namen. Mehrere Personen erlitten hier bereits während dem Schlingen einen Herzkasper und mussten vor den auf einer hydraulischen Metallbahre und zwei Sanitätern hinausgeleitet werden. Als Zielgruppe sieht der Erfinder Übergewichte, die mindestens einen „Bypass-Burger“ vertilgen können und auf die Bedienung der Krankenschwestern in provokativen Outfits scharf sind. Hier dürfen nicht die Kinder unter zehn Jahren, sondern Fettleiber über 160 Kilogramm gratis fressen. Am Eingang wird gewogen. War etwa die Nachfrage zuerst da? Es würde kaum jemanden wundern. In einem Land, in dem jeder dritte Mensch als fettleibig gilt und Fastfood fester Bestandteil des täglichen Lebens ist, braucht es ausgefallene Lockvögel wie: all you can eat, no limited bredsticks, any size you can manage, break routine – eat a wrap for breakfast! und so weiter. Forscher der Harvard-Universität in Cambridge gehen davon aus, dass 2050 knapp 50 Prozent aller US-Bürger fettleibig sein werden. First Lady Michelle Obama legte daher 2012 zielstrebig einen Plan zur Kalorienreduktion und Verkleinerung der Portionen in US-Schulmesas vor. Die fettigen Menüs auf der Mittagskarte der Schulen sind der Politikerin schon lange eine Käsestange im Auge. Auch Mayo- und Ketchup-Päckchen sollten nicht mehr leichtfertig ausgehändigt werden. Als Resultat pollterte es Boykotts und Demonstrationen seitens jugendlicher Rebellen und einem organisierten Mob.

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Nach einem Schwenker zum Neonmuseum und Fragmenten zur bewegten Vergangenheit von Las Vegas‘ Leuchtreklamen ziehe ich weiter ins Totental. Als Goldsucher vor 100 Jahren durch das Land der Shoshonen zogen, hätte ihnen die gnadenlose Bruthitze beinahe den Garaus gemacht. Was liegt da näher, als die menschenfeindliche Zone liebenswürdig Death Valley zu taufen? Um jene Zeit mass man hier einen Hitzeweltrekord, stechende 56 Grad. Kein Flecken auf der westlichen Halbkugel darf sich jährlich auf so viel Sonne freuen. Ein schöner Ort für mich, um den Winter auszutricksen. Leider haben forsche Akademiker mithilfe von GPS und Zeitrafferaufnahem kürzlich das Geheimnis der sporadisch wandernden Steine gelüftet. Keine verspielten Aliens, sondern natürliche Gegebenheiten tragen die Verantwortung für das Phänomen. Der „Hot Spot“ schlägt klimatechnisch nicht nur ins eine Extrem, die Nachttemperaturen sind eisig kalt. So bildet sich an besonders frostigen Tagen eine Eisschicht unter den bis zu 350 Kilogramm schweren Steinen. Der Wind erledigt den Rest und schiebt die Brocken in slow-motion über flache Ebenen, was bizarre Spuren hinterlässt und die Menschheit bisher an der Nase herumführte. Da dieses Rätsel nun gelöst ist, bleibt für mich nicht mehr viel zu tun, ausser die Umrundung des Ubehebe Kraters, über ausgetrocknete Seen flitzen und die Eureka Sanddünen auf einem Campingtisch hinunterzudüsen. Die vierstündige Waschbrettstrasse zur höchsten Düne Nordamerikas überwinde ich etwas überrascht ohne Reifenwechsel. Gegen meine Erwartungen verblüfft das Death Valley mit einer vielseitigen Pflanzenwelt, Sandpyramiden, farbigen Gebirgszügen und Salzseen.

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Ein „vom Sturm und Leidenschaft gepeitschtes Meer der Sünde“? Der für das Seelenheil des Goldgräberstätchens Bodie zuständige Pfarrer wählte seine Worte nicht ohne Grund. Zu Bodies Blütezeit verging kaum eine Woche ohne Mord oder Raubüberfall. Nachdem vor über hundert Jahren mormonische Goldgräber auf die üppigen Vorkommen in dem „von Gott verlassenen Land“ aufmerksam wurden, entwickelte sich schnurstracks ein Paradies für 24-Stunden-Saloons, Spekulanten, Spieler, Prügelknaben, Abenteurer und natürlich Goldschürfer. Die Erträge der Edelmetalle stockten, so schloss der Bergbaumulti „Standard Comany“ seit Beginn des letzten Jahrhunderts konsequent Mine um Mine und überliess Bodie seinem Schicksal. Mit den Eidgenossen Andy und Sabine gehe ich auf eine nostalgische Erkundungstour durch das vielleicht einzige authentische Zeugnis der Goldgräberzeit. Auch wenn die struppigen Beifussbüschchen nicht mehr einsam im Wind spielen, hat das Dorf kaum an Geisterstadt-Charme eingebüsst. Vordächer oder gar ganze Häuser werden seitlich abgestützt, abgelutschte Telegrafenmäste recken sich einsam in die Höhe, verblichene Bretterfassaden ummanteln das Interieur einer vergessenen Epoche. Historische Relikte verweilen in Totenstarre, die Natur holt sich langsam und unbarmherzig zurück, was ihr einst gehörte.

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Trotz eines Klimas, das an einen sibirischen Winter erinnert, verbringe ich eine eisige Nacht beim Toten Meer des Westens. Natürlich mit gutem Grund, denn der Mono Lake am östlichen Zeh der Sierra Nevada birgt eine surreale Szenerie. Seit das durstige Los Angeles emsig Wasser vom Mono Lake in den Süden ableitet, gibt der See 900-jährige Basaltsäulen (Tufas) frei, welche über eine lange Zeit durch chemische Reaktionen im alkalischen See entstanden. Die grazile Türme wirken zerbrechlich wie eine Kristallfigur von Swarovski, eine kleine, aber einmalige Attraktion.

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Anfangs war die Kaktusballschlacht mit Knäueln des „Cholla Cactus“ noch amüsant, bis ich wimmernd die spitzen Widerhaken aus dem Fleisch zückte. Ein unnützes Gestrüpp, dass Im Joshua Tree Nationalpark in der Nähe von Los Angeles wuchert. Hier geniesse ich endlich wieder Wärme. Der Park lockt ausserdem mit seinen rundlichen Steinen, die zum klettern laden und natürlich mit der Stachelballung der Joshua Trees, einer Fusion aus Kaktus und Baum.

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