Das waren noch Männer! Für den Exodus der Cowboys ist nicht wie viele annehmen die Erfindung des Maschendrahtzauns, eine Überdosis Bohnen oder etwa der Tomahawk verantwortlich, sondern die Industrialisierung. Nach knapp 30 glorreichen Jahren mit wohligen Saloon-Abenden und einem flotten Besuch im hiesigen Bordell, friedlichen Lagerfeuern und Macho-Duellen, kam bereits der Zerfall der Lasso schwingenden Kuhjungen. Hingegen häuften sich Geschichten von Banditen, die Postkutschen von Wells Fargo überfielen, sowie unberechenbaren und gesetzlosen Revolverhelden wie Billy the Kid, Jesse James oder Butch Cassidy. Gefundenes Fressen für allerhand Spaghetti-Western Regisseure.

Besonders in den 1930er Jahren wurde die nostalgische und romantisierte Version des Cowboys in den USA zur Modeerscheinung. Bald etablierte sich das typische Image des unrasierten und harten Mannsbilds mit flach im Gesicht hängendem Hut, staubigen Sporenstiefeln, verziertem Kolt und einem aufbäumenden Mustang. Übriggeblieben sind lediglich die Nietenhose von Levi Strauss, der Blechmustang, die scheinbar zeitüberdauernde Ikone der Tabakwerbung und der Flanellhemd tragende Asphalt-Cowboy im Monster-Pickup. Vielleicht noch Lucky Luke und der Lone Ranger. Man muss den Tatsachen jedoch ins trügerische Auge sehen, der westliche Cowboy ist ein Mythos. Echte Männer stammen aus dem wilden Osten und nicht aus dem wilden Westen. Karl Mays Romane vom Spuren lesenden und erdverbundenen Indianer mit seinem weissen Blutsbruder, der ohne Klagelied stets mit dem gleichen Dress reitet, wurden schliesslich in Kroatien, Montenegro und Slowenien verfilmt. Zeitgemäss sollten wir die Protagonisten daher Winneslav und Old Schattervič nennen.

In der jungfräulichen Umgebung vom Nordrand des Grand Canyon versinke ich in Gedanken und staune Bauklötze. Seine Majestät geizt weder mit unendlichen Steilwänden noch mit konfus aufragenden Erdfalten. Hier geht es bedeutend chilliger zu als am Südrand, wo drei Buslinien alle Aussichtspunkte abfahren. Auch die Plateaus sind abenteuerlicher und laden zum posieren ein. Die Mega-Schlucht gilt bei vielen Völkern indianischer Herkunft als Öffnung der letzten Welt, woraus ihre Ahnen emporstiegen.

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Ungeachtet dem Bussgeld von 1’000 Dollar oder einer romantischen Nacht in einer amerikanischen Gefängniszelle schleiche ich durch Arizonas sandige Wüstenlandschaft zum steinigen Mannequin „Wave“ im Gebiet der Vermilion Cliffs. Graziös schlängeln sich prägnante Wellenlinien in allen möglichen Erdtönen um die rundlichen Felsbrocken. Eine Anomalie der Natur, die nur von maximal 20 Personen pro Tag angesteuert werden darf, gesetzlose Schweizer ausgeschlossen.

Zur Bildgalerie der Vermilion Cliffs

Meine Augen bleiben hungrig. So buche ich nach einem ausgewogenen Blick auf die wohl spektakulärste Stelle des Colorado Rivers eine verlängerte Tour in die famose Schlucht des Antelope Canyons. Erst seit einigen Jahren wurde die Märchenwelt aus Sandsteinwänden vom Tourismus entdeckt. Unter kompetenter wie strenger Leitung der Navajo-Indianer darf man sich das Farbenspiel etwas genauer ansehen. Eine fürstliche Einnahmequelle für das Reservat. Vor allem im Sommer, wenn sich bis zu tausend Touristen pro Tag durch die enge Naturgasse quetschen.

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Noch vor 400 Jahren gehörte den Navajos, Apachen, Sioux, Shoshonen, Hopis und vielen anderen Indianervölkern fast ganz Nordamerika. Nach der Zeit um Christoph Kolumbus spuckte Schiff um Schiff Horden von europäischen Invasoren auf dem amerikanischen Kontinent aus. Die Ureinwohner, welche mit ethnischer und kultureller Vielfalt umgehen konnten, empfingen die fremde Haut freundlich und waren sogar gewillt zu handeln. Die Europäer hingegen sahen in den Indianern nur Wilde und Heiden. Bevor die alte Welt an Einfluss gewann, gingen die Indianer noch zu Fuss. Das Pferd war ein unfreiwilliges Handelsgeschenk der Spanier. Aus ein paar Dutzend Pferden, die den Konquistadoren entwischten, entwickelten sich Millionen von wilden Mustangs. Fast alle Indianerstämme hatten sich dieser Tiere bemächtigt und waren durch deren Züchtung zu einem Reitervolk mutiert. Die Spanier segneten zu dieser Zeit mit missionarischem Eifer fleissig Einheimische, um eine schützende Pufferzone vor Frankreich und Grossbritannien aufzubauen.

Als 1869 die transkontinentale Eisenbahn vollendet wurde, kam es im Westen des Kontinents zu einer Massierung von Siedlern und Abenteurern. Die Geburt des „Buffalo-Soldier“. Ungefähr ein Drittel aller Cowboys waren Afroamerikaner, die nach der Auflösung der Sklaverei als Kuhtreiber und Infanteristen angestellt wurden. Innerhalb kurzer Zeit metzelten die Buffalo-Soldiers Millionen Büffel und zerstörten damit die Lebensgrundlage der Prärie-Indianer. Immer wieder verliess eine aufgebrachte Meute junger Krieger die Reservate und kämpfte gegen die Zerstörung ihrer Heimat. Die USA antworteten mit Massakern, wovon um die 80 Prozent von den Büffelkriegern ausgefochten wurden. Reaggy-Ikone Bob Marley sang einst einen rebellischen Song über dieses brisante Thema.

Um den eskalierenden Konflikt zwischen Weiss, Schwarz und Rot in den Reservaten zu beenden, wurden sogenannte Friedensverträge unterzeichnet. Die privilegierten Ureinwohner, welche die eingeschleppten Krankheiten der Spanier, den Genozid und die Zwangsarbeit überlebt hatten, wurden im Auftrag der US-Regierung in unfruchtbare Landstriche deponiert. Die Reservate. Der gemeinschaftliche Landbesitz der Stämme wurde aufgehoben und an einzelne indianische Familien verteilt. Viele Gebiete der Reservate fielen bei dieser Umverteilung überraschenderweise an die weisse Haut. Die Diskriminierung dauerte an. In der schulischen Erziehung wurde das Verbot der indianischen Sprache und Gebräuche verschärft und Männern das Tragen der langen Haarpracht verboten. Die Friedenspfeife wich mehr und mehr Fremdenhass, Alkohol und Drogen.

Ich durchquere die Steppe der Navajo-Reservation, die mit 50’000 km2 grösser ist als die Schweiz und mache Bekanntschaft mit vielen Navajos, dem grössten Stamm in den USA. Das Land ist so karg, dass es sich weder für den Ackerbau noch für eine Weidewirtschaft eignet. Wer also in den letzten Jahrzehnten kein Spielkasino eröffnet hat, fristet einen bescheidenen Alltag mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 47 Jahren. Nur knapp die Hälfte alles indianischen Blutes hat offiziell einen Job. Comanchen, Hopis, Zunis, Navajo und viele andere Pueblo-Indianer teilen ihr Land mit Wissenschaftlern und Militär, welche überirdisch Bomben austesten und zudem fleissig Uran abbauen. Das Gebiet der Navajos gilt mit seinen Lagerstätten als das Saudi-Arabien des Urans. Rund 500 Minen schlossen aufgrund der sinkenden Nachfrage nach Ende des Kalten Krieges im Navajoland ihre Pforten. Zurück blieb ein Erbe aus radioaktiven Abraum und ungeschützten, strahlenden Gruben. Was dazu führte, dass sich die Anzahl krebskranker Indianer zwischen 1970 und 1990 verdoppelte. Diese Art von Koexistenz hätte Karl May wohl nicht erwartet.

Via Naturkulisse „Monument Valley“ mache ich einen Ausreisser zur Vierstaatenecke und den Ruinen der Anasazi (die alten Feinde) im Mesa Verde Nationalpark. Das Urvolk war architektonisch bereits gut im Schuss und baute ihre Behausungen tief in die goldbraunen Klippen, ordentlich versteckt unter steilen Felsüberhängen. Die Wohnungen wurden vor knapp 700 Jahren errichtet und fristen bis heute.

Zur Bildgalerie vom Monument Valley, Navajo National Monument und Mesa Verde Nationalpark

Trotz allem Übel hat die indianische Tradition überlebt. Der Drang zur kulturellen Eigenständigkeit der ersten Einwohner Nordamerikas ist nach wie vor ungebrochen. Heute kämpfen Amerikas Ureinwohner nicht mehr mit Pfeil und Bogen, sondern vor allem mit Paragraphen. Seit den sechziger Jahren pochen die Nachfahren verschiedenster Stämme, die einst von der US-Regierung übers Ohr gehauen wurden, mit Kopien von staubigem Vertragswerk aus ferner Zeit um die Einhaltung der Verträge. Überraschenderweise haben sie es in diversen Bundesstaaten erreicht, erhebliche Entschädigungen für die Vertragsbrüche zu erhalten. Auch das Image der Ureinwohner hat sich geändert. Oder wer assoziiert den Indianer noch mit dem halbnackten primitiven Bösewicht, der mit schrillem Gejaule das Geflecht aus Planwagen seiner gentlemanhaften Gegner angreift? Immer weniger wird verschwiegen, umso mehr aktiv verarbeitet. Auch die Population steigt wieder an, selbst wenn die Volkszählung aufgrund der Durchmischung nur vage Anhaltspunkte liefert. Rund ein Prozent aller US-Bürger zählt sich zur indianischen Kultur.

Da Utah diverse Naturschönheiten jenseits des Touristenstroms im Köcher versteckt, verweile ich nach der Fahrt durch den Glen Canyon in der Umgebung des Grand Staircase-Escalante National Monument. Entlang der attraktiven Nebenstrassen treffe ich auf ein absurdes Steinspektakel, Wasserfälle und weitflächige wie farbenfrohe Steppen. So lade ich meinen Abenteuer-Barometer, indem ich zerfetzte Autoreifen im Sandschotter wechsele und auf schlecht markierten Trails auf Erkundungstour gehe. Als Stammgast von Doug’s Garage frage ich mich, ob ein Pneu-Abo finanziell Sinn machen würde.

Zur Bildgalerie des Grand Staircase-Escalante National Monument

Bevor ich mein Erspartes in Las Vegas vermehre, gönne ich mir einen Halt in der sagenhaften Zipfelwelt des „a hell of a place to lose a cow“, oder einfacher – Bryce Canyon Nationalpark. Gesellige Felspyramieden aus Basalt und Sandstein (die Hoodoos) türmen sich auf, kuscheln und formen zusammen eine bizarre Trümmerkunst. Das greisenhafte Gesicht der Amphitheater entstand durch Felsplattenverschiebungen, Erosion und häufigem Niederschlag. Kochen im Schneegestöber ist mir zu schwerfällig, so verdufte ich erneut südlich.

Zur Bildgalerie vom Bryce Canyon und Zion Nationalpark

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