Hauptstadt der Mormonen und Mekka der Polygamie. Salt Lake City, Utah. Obwohl die Vielehe bereits im 19. Jahrhundert offiziell abgeschafft wurde, werden in den ländlichen Gebieten von Utah Jahr für Jahr neue Fälle bekannt, wo alternde Familienväter sich an teenagerhaften Zusatzfrauen erfreuen. Vor einigen Jahren erwischte die örtliche Polizei den Führer der erzkonservativen Fundamentalistischen Kirche „Jesu Christi der heiligen letzten Tage“, der sich bislang als Heiratsvermittler zwischen Greis und Schulmädchen unter den „top ten“ der US-Kriminellenliste behauptete. Über zwei Drittel aller Einwohner Utahs sind Mormonen, welche vor über 150 Jahren den Gottesstaat kolonisiert und gegründet haben. Da ich jedoch ungern unter Leuten weile, welche Hollywoods Leinwandklassiker zensieren wollen und auf Alkohol, Tabak, Kaffee und sogar Tee verzichten, rolle ich erwartungsfroh weiter zum Supervulkan Nationalpark, auch bekannt als Yellowstone.

Der älteste Nationalpark der Welt liegt grösstenteils in der Caldera des Yellowstone Vulkans, der über acht Kilometer tiefen und rund 32’000 Kubikkilometer mächtigen Magmakammer. Damit wirft sich der Yellowstone-Vulkan in die Kaste der Supervulkane. Würde der Feuerspeier unter dem Park im Bundesstaat Wyoming tatsächlich eines Tages eruptieren (wie diverse Schwarzmaler ankündigen), hätte das desaströse Folgen. Man stelle sich eine dunkelschwarze Daunendecke aus vulkanischem Schutt und Asche vor, die sich im Umkreis von knapp 1’500 Kilometer über Amerikas Mittleren Westen schmiegt. Die Fensterputzfirmen beider US-Küsten könnten sich zudem auf volle Auftragsbücher freuen.

Der Urgrossvater aller Parks ist berühmt für seine vulkanogene Landschaft mit Geysiren, Schlammtöpfen und heissen Quellen in den exotischsten Farben. 62 Prozent aller weltweit existierenden heissen Quellen liegen im Yellowstone-Gebiet. Das Kaleidoskop der Naturpools rührt von Sulfiden, Bakterien und Algen, aber auch von Abfällen, die der trottelige Tourist darin versenkt. Einige Prismen sind keine Folge kreativen Natureifers, sondern ein Resultat menschlichen Aberglaubens und purem Schwachsinn. Die aus Quellen im Yellowstone isolierten Bakterien bergen ein riesiges finanzielles Potenzial für die Pharmamultis. Der Schweizer Konzern Roche vertreibt beispielsweise ein hiesiges Enzym von Typ „Thermus aquaticus“ zur Vervielfältigung der Erbsubstanz und erzielt damit Unsummen.

Von den über 300 Wasserspeiern im Park erfreuen sich besonders der Old Faithful-, der Steamboat- oder der Giant-Geysir besonderer Beliebtheit. Letzterer ist mit 95 Metern Höhe Anführer der Geysir-Weltliga. Die thermale Aktivität sorgt für eine surreale Landschaft, in der ich mir täglich die Augen wund staune und mein Geruchsorgan strapaziere. Ein Hauch verfaulter Eier liegt in der Luft. Auch die Fauna zeigt sich abwechslungsreich. Ich erspähe spazierende Koyoten, aber auch allerhand Elchgetier und schleiche mich vorbei an wegversperrenden Bisonherden. Obwohl ich abends gemütlich Geschnetzeltes im finsteren Wald anbrate, locke ich weder Grizzlies noch Schwarzbären an. Schade, haben ich mich so auf eine bärige Konfrontation gehofft. Nach vier Tagen verlasse ich den Park mit einem verschmitzten Lächeln. Der Clou? Es beginnt zu schneien.

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Um meinen Schnappszahl-Geburtstag möglichst speziell zu feiern, holpere ich mit Schweinsfilet und einem Kasten Bier bewaffnet in die surrealen „Salt Flats“. Nach dem Ende der letzten Eiszeit waren zwei Drittel vom US Bundesstaat Utah vom Lake Bonville bedeckt. Danach trocknete der See fast völlig aus. Übriggeblieben ist eine anmutige Salzwüste, die gerne als skurriler Filmdrehort für Kassenschlager wie „Pirats of the Carribean 3“ genutzt wird. 1970 donnerte Gary Gabelich mit seinem Raketenauto „Blue Flame“ mit rund 1’000 km/h über die Salzkruste und kratzte damit knapp an der Schallmauer. Seit einigen Jahrzehnten werden während der Speed-Weeks offiziell zahlreiche Rekordversuche unternommen.

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Ich schlage Frau Holle ein Schnippchen und entweiche südwärts zum Arches Nationalpark. Die Landschaft ändert abrupt in eine wilde Formation aus orangefarbenem Sand, durstigem Geäst und der weltweit grössten Konzentration an natürlichen Steinbögen. Die über 2’000 „Arches“ sind ein Phänomen, welches durch Erosion und Verwitterung laufend neu entsteht und wieder vergeht. Kreative Naturschützer planten bereits einen überdimensional grossen Plastiküberzug für den berühmtesten „Arch“, um die fragile Steinkunst nachhaltig zu erhalten. Hat man „Ami-Style“ die vielen 0,5 Kilometer-Wanderungen gemacht und alle Steinlöcher- und Bögen abfotografiert, macht sich bald eine gewisse Rastlosigkeit breit. Ich fühle mich davon etwas gefeit und schröpfe meine Gelenke auf längeren Touren und gönne mir Sonnenauf- wie Untergänge an den feinsten Plätzen. Das nächtliche Himmelszelt geizt weder mit Sternen noch mit der Gesellschaft der penetrant leuchtenden Milchstrasse. Die alltägliche Krönung meines Naturbummels.

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Zu der Zeit als massenhaft Iren in die USA und Kanada schwemmten, schaffte es neben einer simplen Pub-Strategie auch ein origineller Brauchtum mit in den Überseekoffer. Halloween. Seinen Ursprung findet man in einem 2’000 Jahre alten heidnischen Fest. Dem Samhain. Das Ritual wurde über die Jahrhunderte fleissig kommerzialisiert und findet heutzutage einen fixen Platz in fast jeder Agenda. Gärten, Terrassen und Fassaden machen Platz für blutige Plastikleichen, Grabsteine und Kürbisfratzen. Gestrüpp wird bedacht in Spinnenweben gewickelt. Nordamerikanische Grossstädte schmeissen verrückte Halloweenparties oder organisieren Horrorparaden, während als Zombies, Mumien oder Skelette verkleidete Kinder Süssigkeiten fordernd und Streiche spielend durch die Vororte schleichen. Grossflächige Halloween-Kostümläden belegen schon lange keine Nische mehr. Die Kelten begannen das neue Jahr jeweils mit dem November und feierten dann ihr Totenfest. Zu dieser Zeit zog sich das Vieh in die Ställe zurück, aber auch die Seelen der Verstorbenen schwirrten brav nach Hause um nach dem Rechten zu sehen. Mit den Verkleidungen wurden nebenbei die Arschlochgeister vertrieben. Gruselig sind die gegenwärtigen Kostüme keineswegs. Während der Dorfdisco-Halloweenparty in Moab, Utah treffe ich auf Legomännchen, Elchhasen, Grossmütter mit Rollatoren oder Elfenmänner. Alles was der Dachstock hergibt, wird schmunzelnd toleriert. Leider ist es schon seit Jahrhunderten ausser Mode, Knochen von Schlachtvieh auf satten Hügeln zu verbrennen. Sinnestaumel und Aberglauben wich konsumintensiver Maskerade sowie jugendlichem Schabernack mit einer Prise Vandalismus. Der katholischen Kirche gelang es nicht, den Menschen das heidnische Fest Samhain abzugewöhnen. Also versuchte sie, es zu christianisieren, indem sie dem Brauch einen neuen Namen gab. Im Jahr 731 wurde der 1. November zu Allerheiligen erklärt (All Hallows Day). Samhain wurde somit zu „All Hallows Eve“, dem Vorabend des Allerheiligentages. Daraus entstand später „Halloween“.

Als Spione der Trugbild-Abeilung schöpfe ich den Verdacht, dass Halloween vor allen dem Kürbissamen säenden Farmer über die Runden hilft. Ausser der saisonal erhältlichen Kürbis-Latte bei Starbucks und Konserven wird in den USA kaum Kürbis konsumiert. Tatsächlich dreht sich die Saga von Halloween um eine Rübe mit einem glühenden Stück Kohle drin, die fiese Dämonen abschrecken soll und nicht und eine Kürbis-Kerzen-Komposition. Kürbise wuchern in Nordamerika einfach besser. Viel besser! Gery Miller hat kürzlich  seinen Kürbis geerntet, 900 stolze Kilo, knapp am Weltrekord vorbei. Auch Europa hat den Spukmarkt für sich neu entdeckt, sozusagen re-importiert. Rasselnd pirscht sich Halloween hinter den Valentins- und Muttertag in die Hitliste der verlogenen Markthilfe für Floristen, Parfümerien, Schokoladenfabriken, Kürbisbauern und Schnickschnack-Verkäufern.

Auf einen zerfetzten Autoreifen habe ich mich bereits während Monaten psychisch vorbereitet. Auch auf eine längere Wagenheber- und Schraubenschlüssel-Expedition. Nicht vorhersehbar war der Zustand des Ersatzpneus. So strande ich an einem gemütlichen Samstag Abend in der Wüste Utahs, weit entfernt von Mobilfunk und Zivilisation. Ein Gentleman aus Kansas kontaktiert mit seinem Telefon, dass offenbar nicht von dieser Erde zu sein scheint, die Notfall-Nummer meiner Versicherung. Wir verbringen eine lustige Stunde zusammen. Die Kontaktperson von State Farm ist scheinbar auf Drogen, arbeitet sich gemächlich durch ausgerolltes Kartenmaterial aus 1970 und tippt im Einfingersystem meine Daten in einen AS400 Computer. Durchgeschüttelt von all den vorbeiflitzenden Lastwagen und geplagt von skurrilen Alpträumen erwache ich am nächsten Morgen, ohne einen Appschleppwagen mit Kompressor gesichtet zu haben. Nach einigen Hass-Tiraden schmiede ich einen neuen Plan. Ex-Navy Seal Christan offeriert eine Mitfahrgelegenheit zurück nach Moab in seinem 40 Tonnen schweren Sattelschlepper. Ein Wonneproppen, er drückt mir einen Zwanzigdollarschein in die Hand und wünscht ein besinnliches Frühstück. Während ich ihm euphorisch zum Abschied winke, realisiere ich zeitgleich das Fehlen meines Macbooks, das etwas enttäuscht in meinem Rucksack auf Christians Schmuddeldecke lungert. Fortuna meint es einigermassen gut mit mir, ich wähle dreissig Mal seine Nummer und erwische ihn, während er seine Ladung in Salt Lake City wechselt. Mit dem Abschleppdienst, welcher mich am Vorabend nicht gefunden hat, düse ich zurück meinem Auto. Die Beschreibung der Versicherungsangestellten entpuppte sich als zu mangelhaft. Man suchte nach einem weissen Truck, Marke Dodge, Baujahr 97 mit einem ausgelutschten Reserverad daneben und fuhr verdutzt vorbei an einem weissen Van, Marke Dodge, Baujahr 97 mit einem ausgelutschten Reserverad daneben.

Ich kreuze den Truckfahrer im Bauernkaff Beaver, rund fünf Fahrtstunden südwestlich. Als kleine Aufmunterung überreicht mir Christian die Hollywood-Verfilmung „Lone Survivor“ mit Mark Wahlberg. Eine wahre Geschichte über vier Navy Seals auf geheimer Mission im Gebierge von Afghanistan, mit dem Ziel, eine Al-Kaida Hoheit auszuschalten. Einer der vier war Marcus Luttrell, Christians Bruder.

Die Navy Seals sind bekanntlich Amerikas brutalste Einheit der Kriegsmarine. Jahrelange Drills und Fachkunde auf diversen Spezialgebieten verwandeln ihre Angehörigen in zielorientierte Kampfmaschinen, deren Kommando in abgelegenste Gebiete führen. Eine Rückkehr ist fraglich. Die breite Schicht der US-Veteranen geniesst nach erfolgreicher Heimkehr oftmals eine zweifelhafte Behandlung. So werden die ehemaligen Soldaten anstatt mit einer ordentlichen Gesundheitsfürsorge mit Pillen eingedeckt, welche Alpträume lindern und Erlebtes erträglich machen sollten. Inzwischen ereignen sich jährlich mehr als 8’000 Selbstmorde von US-Soldaten und Veteranen (mehr als 22 am Tag). 33 Prozent dieser Selbstmorde lassen sich auf die Nebenwirkungen dieser Medikamente zurückführen. Dies bedeutet, dass das Pentagon mehr Leute der eigenen Reihen in den Tod führt, als Al-Kaida. Diverse Berichte machten in der Vergangenheit bereits auf die tückischen Medikamente aufmerksam.

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