Was wohl Bobby Leach dachte, als er in seinem Blechkabäuschen die Niagara Fälle hinunterpurzelte? Seit Monaten begleitet mich die Geschichte des tapferen englischen Stuntman, der 1911 den Sturz aus 58 Metern mit einigen Frakturen und Quetschungen überlebte. Ein limitierter Glücksritt, Jahre später rutschte Bobby auf einer Bananenschale aus und starb an der darauf folgenden Infektion. Bobby’s kurioses Ableben erinnert mich häufig daran, was für hinterlistige Überraschungen unser Schicksal bereithält und dass auch wagemutige Helden nicht vor den Gefahren des Alltags gefeit sind.

BobbyLeachNiagaraFalls

Mr. Leach war nicht der einzige, zahlreiche Wasserfall-Befahrungen wurden bisher versucht. Der erste dokumentierte Fall stammt aus dem Jahr 1829, als die bärtige Annie Taylor in einem Holzfass die Niagara Falls hinunterstürzte. Die Chance, den Spass zu überleben, steht seither bei moderaten 50 Prozent. Dem Erfolgreichen winkt überraschenderweise kein Blumenstrauss oder eine Magnumflasche Champagner und schon gar kein Wangenkuss von Miss Niagara. Wer die markabere Wasserrutsche überlebt, wird bereichert durch eine neue Kleinwohnung mit schicken Gitterstäben und einem stolzen Bussgeld. Da sich Kanada und die USA das Wasserspektakel teilen, frage ich mich, ob denn nun das kanadische oder amerikanische Gefängnis auf einen wartet. Aber weder die örtliche Polizei, noch die Zollbeamten können darauf eine klare Antwort geben.

Jeden Abend wird das Wasserspiel in ein extravagantes Farbenmeer getaucht und an den Wochenenden sogar durch ein schmuckes Feuerwerk ergänzt. Eine Naturschönheit allein reicht dem modernen Wochenendtouristen und all den Konferenzbesuchern anscheinend nicht mehr. So dann, Riesenrad, Casino und Hardrock Café hinstellen, Wachsfiguren giessen, Lichstrahler installieren und Raketen in die Luft ballern. Wie abenteuerlich, ja nahezu ursprünglich war es vor einigen Jahren bei den Cateratas de Iguazu (Wasserfälle in Argentinien und Brasilien). Gerne würde ich mich nochmals mit dem ehemaligen Verkaufsleiter von Niagara Falls Tourismus, Abteilung Incentives & Events, etwas mehr zu diesem Thema unterhalten. Dieser versteckt sich gerade in den Tropenwäldern von Kolumbien.

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Ein Laienkomiker sagte einmal zu mir: „Schlimmer als von Ohio zu sein, ist jemandem zu erzählen, dass man von Ohio ist.“ Meine Erwartungen sind entsprechend bescheiden. Ohio teilt mit seinem Nachbarstaat Indiana Amerikas Getreidegürtel. Ein überdimensionaler Sojabohnen- und Maisgarten. Als Strassenenthusiast finde ich Ohio und Indiana ganz okay. Entgegen meiner Annahme fuchtelt niemand mit einer abgesägten Schrotflinte, schielt übertrieben oder schnalzt Wörter, die man zuerst im Hillbilly-Lexikon nachforschen muss. Wie eine Schuppe einer blechernen Anakonda schlängele ich gemächlich auf Chicago zu. Sieben Tage verheissungsvolle Grossstatdtleben. Ich wohne im kultigen Wrigleyville, dem Bar- und Metrosexuellenviertel, das Pendant zu Castro in San Francisco oder Greenwich Village in New York und wechsle später in das In-Viertel Wicker Park. Alles gemütliche Städte in der Stadt, mit eigenen Gegebenheiten, eigenem Esprit, eigenen Geschichten.

Während meinen Teenagerjahren zierte typischerweise ein Poster eines scheinbar fliegenden Basketballprofis meine Zimmerwand.  Michael Jordan. Einer der bestbezahlten Gummiballwerfer aller Zeiten. Er verdiente pro Minute ungefähr so viel wie die meisten Amerikaner in einem Monat. In den 90er Jahren führte er mit Dennis Rodman die Chicago Bulls von Titel zu Titel und bezirzte Fans wie Gegner mit feinsten Superdunks. Zu Spitzenzeiten gewannen die Bulls 72 von 82 Ligaspielen. Damals war „Chicago“ für mich ein Wort ohne Bild, ohne Kontext, ohne geografischen Anhaltspunkt, Google war noch nicht so weit. So war es einfach die NBA, einfach der unerreichte Jordan und der freakige Dennis Rodman. Da die Gummiballwerfer so ein Schweinegeld verdienen, kostet mein Ticket für das Spiel der Chicago Bulls gegen die Denver Nuggets 80 Dollar. Hinterste Reihe, Feldstecher exklusive. Ein Schluck Bier dazu? Einmal ansetzen, ein Dollar. Die Bulls gewinnen und da sie über 100 Punkte machen, gibt’s für jeden Zuschauer einen Big Mac gratis. Wie charmant! Wenigstens Mc Donald’s gibt dem gebeutelten Fan etwas zurück.

Die Namensgebung der Bulls führt zurück auf Chicagos Ruf als Schlachtbank der USA. Während texanische Cowboys vor den staubigen Saloons Revolverduelle austrugen, durfte das Vieh draussen spielen. Waren ihre Leiber genug aufgeqollen, wurden sie von Lasso schwingenden Reitern nach Kansas zur Verladestation oder direkt nach Chicago in die Fänge der Schlachtbetriebe und Akkord-Metzger eskortiert.

Die Schlachthöfe auf den „Union Stock Yards“ hatten sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum Krösus der fleischigen Fliessbandproduktion gemausert. Um die Jahrhundertwende wurden auf den Stock Yards jährlich bis zu zwölf Millionen Kühe und Schweine geschlachtet, das entsprach rund 80 Prozent des amerikanischen Fleischkonsums. Mangelnde Hygiene, lange Arbeitszeiten, Hungerlöhne und unmenschliche Arbeitsbedingungen, vor allem aber die von den Einwanderern mitgebrachten Traditionen der Selbstorganisation führten dazu, dass sich Chicago zur Geburtsstätte der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung entwickelte.

Eine Imposante Wolkenkratzerschlucht führt durch Chicagos Downtown, Fassade antwortet Fassade. Clever, schlussendlich entschied die exorbitanten Antenne der New Yorker Rivalen über den Titel des höchsten Gebäudes von Amerika. Nur der Neubau des „One World Trade Center“ schlägt den 527 Meter hohen Willis-Tower. Chicago darf sich jedoch ohne Scham als Pionier moderner Wolkenkratzerkonstruktion bezeichnen, da man hier vor ungefähr 230 Jahren das erste Stahlskelett in einem zehnstöckigen Haus versteckte. Zu dieser Zeit lebten in der Stadt bereits eine Million Menschen. Zunehmends festigte sich der Ruf Chicagos als Dorado unbegrenzter Möglichkeiten, das mit zahlreichen Jobs für jeden Arbeitswütigen aufwartet. Neben vielen deutschen, irischen und osteuropäischen Einwanderern, fühlten sich vor allem ausgebeutete Farbige aus den Südstaaten von dem Versprechen angezogen. Mit ihnen kam auch der Jazz und Blues in die Stadt. Grössen wie Louis Armstrong aus New Orleans belebten die Clubs und prägten den „Chicago Jazz“. Schnelles Wachstum verführt bekanntlich allerlei Lumpenpack. So wurde die Stadt um 1920 ein Tummelplatz krimineller Syndikate unter skrupellosen Gangsterbossen wie Johnny Torrio und dem bulligen Al Capone alias Scarface. Die Mafia nutzte die Prohibition und verkaufte illegal hergestellten Alkohol und Zigaretten, erpresste Schutzgeld und regelte die lukrativen Märkte der Prostitution, Lotterien und Sportwetten. Auch Geld waschen war in diesen Kreisen gross in Mode.

Hätte der Nobelpreisträger für Physik Enrico Fermi seine Arbeit pflichtgemäss ausgeführt, hätte er die Glaskugel zu lesen gewusst? Kurz vor dem zweiten Weltkrieg gelang dem Physiker an der University of Chicago die erste kontrollierte nukleare Kettenreaktion. Seine Arbeit war Teil des Manhattan-Projekts unter der Leitung von J. Robert Oppenheimer. Das Ziel war der Bau von Kernwaffen. Bald gab es für die USA Gelegenheit, das in Japan auszuprobieren. Als ich vor knapp sechs Jahren Hiroshima besuchte, wurde mir etwas mehr bewusst, dass die Physik und Technologie nicht nur dem Vorteil der Menschheit dient. Da lohnt es sich doch, einen Blick in die nahe Zukunft zu riskieren. Das „Museum of Science and Industry“ wirft dazu interessante Fragen auf. Was wäre, wenn:

… dein Kaffeetisch ein Musikinstrument wäre?
… du einen Lift zum Kornfeld nehmen könntest?
… deine Pizza via Email geliefert würde?
… dein Computer Körpersprache beherrschen würde? 
… du ewig leben könntest?

Egal ob man die Metropole mittels 20-Meter-Stretchlimousine, per Yacht mit Hubschrauberlandeplatz, als Partizipant einer Segway-Armee oder gar zu Fuss erkundet, Chicago saugt seine Besucher unverzüglich in seinen Bann und das Geld aus der Tasche. Das exquisite Konsumprogramm hat keine Grenzen. Diverse Improvisationstheater öffnen täglich ihre Pforten. Die Gruppenspiele halten sich an bekannte Regeln, ausser dass zuerst die amerikanische Hymne geplärrt wird, ein Musikfritze den Wortkampf melodisch untermalt und Kostüme wie Accessoires miteinbezogen werden. Amerikanisch eben. Kunstinstallationen lungern durchgehend und nebenbei findet gerade das Internationale Filmfestival statt. Obwohl Michelin in Chicago emsig Sterne verteilt, strotzt die Stadt auch von Gaumenkitzlern für kleine Budgets, wie der eigenen Erfindung, dem Pizzakuchen (deep dish pizza). Liebhaber der mediterranen Esskunst können sich im Italian- oder im Greek Village europäisch vergnügen. Gourmet-Popcorn gibt es Downtown.

Anderer Leute Autos rammen, zuerst den lästigen Bummler vorne, innehalten, dann abrupt rückwärts in den auffahrenden Quälgeist hinten. Ein solches Szenario wünscht sich nicht nur der gestresste Grossstädter in Chicago hin und wieder. Leider knüpft sich ein solch unsoziales Verhalten gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern meistens an finanzielle Folgen oder eine psychiatrische Behandlung, nicht beim Demolition Derby nahe dem östlichen Startpunkt der Route 66. Hier darf man mit Wonne rammen, demolieren und anderen den Arschfinger zeigen. Da knacken natürlich nicht nur die Autos. Schleudertraumas, zerschellte Daumen oder ab und zu ein gebrochener Rücken, alles populäre Ereignisse. Ob die Fahrer der Schrottkarren strategisch handeln oder testosterongesteuert in alles hineinfahren was sich bewegt, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Eine Blechschlacht an die man sich gerne zurück erinnert während man wiedermal seine kostbare Lebenszeit dem Verkehr opfert.

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