Vielleicht war Napoleon ja betrunken, brauchte dringend Geld oder war etwas müde vom vielen metzeln, brandschatzen und verwalten. Vor knapp 200 Jahren verhökerte der Zwirbel die gesamte französische Kolonie „Louisiana“ für 15 Millionen US-Dollar an die Vereinigten Staaten von Amerika. Ein Schnäppchen. Der Esprit Frankreichs lebt dennoch weiter. Nicht in Louisianas Industriezone, die eher an die Maschinenstadt aus Matrix erinnert, aber in New Orleans.

New Orleans ist mit gut zwei Drittel afroamerikanischen Einwohnern die „farbigste“ Stadt Nordamerikas, sein Hafen im Alligatoren verseuchten Mississippi Delta galt als Dreh- und Angelpunkt für den Sklavenhandel der neuen Welt. „The Big easy“ entsprang spanischen und französischen Genen, ergänzte amerikanisches wie karibisches Blut und mauserte sich über die Jahre zu einem multiethnischen Schmelztiegel. Gut gepflegte Herrenhäusern erinnern an die Renaissance während die „Schiesshütten“ alias Shotgun Houses in New Orleans entstanden und mehrheitlich der ärmeren Bevölkerungsschicht ein Dach über dem Kopf bietet. Geplagt von regelmässigem Lichtausfall scheppert Amerikas älteste Strassenbahn mit holzigem Interieur und Bremsseil durch die Gegend. Nostalgischer Fahrspass pur. Nach langer Hostelabstinenz pachte ich sechs Nächte in der „Auberge NOLA“ und gehe mit dem dänischen Mozart Kåre auf nächtliche Streifzüge. Ich kenne die trinkfesten Australier und Iren ja bereits gut und suche meine neue Herausforderung nun bei den Vikingern.

Die Wiege des Jazz hat es nicht nötig, sich als „Live Music Capital of the world“ zu bezeichnen, wie ihre texanischen Kollegen aus Austin. Sie ist es einfach. Ungebändigt zeugt „Mardi Gras“, die Mutter aller Jazz-Festivals, eifrig Kinder überall auf der Welt. So können wir uns bequem etwas von diesem berauschenden Musikkuchen aus weiter Ferne abschneiden. Die Glücklichen, welche die Heimat des Jazz und Blues zu besuchen vermögen, staunen kaum schlecht. Jeder ist mit einem Blasinstrument bewaffnet, allzeit bereit Töne aus allen Ventilen zu schiessen. Gitarristen und Pianisten säumen die Klubs von New Orleans, an jeder Strassenecke lauert ein Musikus. Wer die Bourban- oder Frenchman Street und deren Seitengassen im französischen Viertel erkundet, wird augenblicklich süchtig. Süchtig nach etwas das wohl weltweit seines gleichen sucht. Auf dem Weg zum Tresen oder einer Sitzgelegenheit quetscht man sich vielerorts zuerst durch die spielende Band. New Orleans ist einer der wenigen Flecken in den USA wo man noch gemütlich mit seinem Bier draussen spazieren darf ohne gleich einen Armverdreher der lauernden Polizei zu riskieren. Es wird uns sogar Bier von den Balkonen zugeworfen. Das musikalische Angebot scheint grösser als die Nachfrage. Wir sitzen in der ersten Reihe im Fritzel, einen Meter entfernt von Richard Scott, einer der weltbesten Jazz-Pianisten, staunen ab der soulige Stimme der punkigen Sarah McCoy im Spotted Cat, geniessen ein Konzert der New Orleans Legende Dr. John im Joy, schwofen zum Jazz der Altherrentruppe Preservation Hall Band und nicken zu den Klängen von Jon Cleary & Band. Ob Dienstag Nachmittag oder Samstag Abend, die Stadt steht Kopf. Und mit ihr seine verrückten Menschen, die wohl als Partymaschinen auf die Welt kommen und Atmosphäre nähren. Wo sonst kann man mit Arschpeitschen Geld verdienen, seine selbstgebastelte Armbrust in Seitengassen austesten oder eine Gesichtstätowierung tragen ohne dabei grossartig aufzufallen?!

Peggy, vom Friedhof Maitre eigenen Architekturbüro schenkt mir eine zweifach aufklappbare Übersichtskarte für meinen Spaziergang im Totendistrikt von New Orleans. Die Wegweiser würden dann den Rest erledigen, meint sie. Wegen der tiefen Lage von New Orleans werden ihre Verstorbenen nur in Mausoleen wie Lafayette oder Maitre beerdigt. Aufgeweichte Leichen haben den schlechten Ruf Seuchen zu provozieren, und feuchte Katastrophen hatte die Hafenstadt ja bereits genug. Die mystischen Totenstädte beheimaten Grabmonumente, die teils grösser sind als die Verhaue der Armen.

„Mein Jet braucht Benzin“ steht auf dem Pappschild des obdachlosen Warren. Er blickt zu den weissen Dampfschiffen, die in den Armen des Mississippis kreuzen und lächelt zufrieden. Ich setze mich zu ihm. New Orleans hatte Mitte 2005 insgesamt 454’863 Einwohner. Dann kam Katrina.

FILES-US-KATRINA-ANNIVERSARYDurch die Folgen des rücksichtslosen Hurrikan wurden drei Viertel aller Einwohner aus der Stadt evakuiert. Ein Jahr später waren es noch 223’388 Einwohner. Warren arbeitete damals für die Stadt und leistete gerade seinen Beitrag zur Aufräumarbeit, als Präsident George Bush mit einem Helikopter in New Orleans landete und Hilfe versprach, die kam dann etwas spät. Nach einigen Tagen des Notstandes wurde der Ausnahmezustand, das Kriegsrecht und der Gesundheitsnotstand ausgerufen. Obwohl die Jazzmetropole nur von Ausläufern des Hurrikans in Mitleidenschaft gezogen wurde, brachen die Wände zweier Kanäle, worauf das Wasser die Stadt fast vollständig überschwemmte. Wasserpumpen fielen aus und untermalten das Drama. Unterspülte Gebäude brachen zusammen, was die Situation nicht gerade verbesserte, denn Wasser, Müll und Schutt spülten in den als Notunterkunft genutzten Superdome. Schon vor der Katastrophe war klar, dass die tieferliegenden Gebiete, die Gefährdetsten sind. Die Naturkatastrophe traf somit vor allem Afroamerikaner und sozial benachteiligte Bewohner, welche die Armenviertel bewohnen und denen es an Mittel und Möglichkeiten fehlte nach New Orleans zurückzukehren und ihre Häuser wieder aufzubauen. Amerikas soziale Verwundbarkeit. Während der Ruf nach einem schnellen Wiederaufbau New Orleans mit staatlicher Unterstützung lauter wurde und der politische Druck auf die Verantwortlichen wuchs, mehrten sich auch Zweifel, ob New Orleans nicht aufgegeben werden sollte. Während das Militär die Kontrolle übernahm, wurde die Aufräumarbeit vorwiegend an günstigere mexikanische Manneskraft vergeben, und nicht wie viele erwarten würden, an die Einheimische Bevölkerung. So entwickelte sich New Orleans rasch zu Amerikas Hauptquartier von Verbrechen und Gewalt. Warren wurde in die Frühpension geschickt. Nach drei Wochen ohne Alkohol und Kasinobesuch bereitet er sich mental auf den Rechtsstreit mit seiner cracksüchtigen Frau vor, und im Falle des Scheiterns, auf einen harten Winter.

Die Stadt am Mississippi hat einige berühmte Söhne und Töchter. Eine ihrer interessantesten Persönlichkeiten ist Marie Laveau, die Voodoo-Priesterin. Die kreolische Religion hat weltweit 60 Millionen Anhänger und ist vor allem in Haiti und Afrika beheimatet. Durch die Sklaverei trudelte der Glaube in die Amerikanischen Südstaaten, und vor allem nach New Orleans (was einem schon die vielen Voodoo-Museen oder Souvenirläden verraten). Voodoo-Anhänger galten bei der Kirche als Teufelsanbeter und mussten mit Verfolgung rechnen. Marie Laveau reagierte. Sie fügte dem Voodoo etwas Katholizismus hinzu. Also Heiligenstatuen und Kruzifixe aufstellen, fertig. Sie erklärte, Voodoo-Anhänger seien ebenfalls Christen und veranstaltete Voodoo-Shows, zensiert von Schlangenanbetung und Blutopfer. Dazu lud sie gut situierte Leute und zahlende Gäste ein. Auf der anderen Seite gab es weiterhin geheime Zeremonien in dunklen Kellern mit Opfergaben und heiterem Voodoo-Puppen-stechen. Immer wieder wurde versucht, Marie Laveau vor Gericht zu zerren, aber es kam nie zu einem Prozess. Offensichtlich schützten sie ihre vielfältigen Beziehungen und ihr Wissen über die Gesellschaft von New Orleans. Oder, wie andere meinen, sie beherrscht die Magie.

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Mit feuchten Augen, einer rauhen Kehle und Augenringen, die mit meinen Mundwinkeln verschmelzen, fahre ich durch den Bundesstaat Mississippi zum Geburtsort des Rock’n’Roll, nach Memphis, Tennessee.

 

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