Endlose Weiten, romantische Highways, rotbraune Schluchten und hie und da ein Meteor-Krater. Nach einer abenteuerlichen Woche in Arizonas wildem Norden nehme ich die Route 66 über Winslow und Holbrook nach Gallup, New Mexico. Alles idyllische Wüstenstädtchen, die irgendwann ein paar Jahrzehnte ausgesetzt haben und immer noch indianische Kunst, Westernhüte und Cowboy-Stiefel verscherbeln. In den Südweststaaten leben hunderte von Indianerstämmen in ihren Reservaten, fernab jeglicher Zivilisation. Die Gier nach Gold und Silber haben Amerikas Ureinwohner bekanntlich fast ausgerottet. Im Bezirk um Gallup leben 70 Prozent „American Natives“ aber auch eine gute Dosis Hispanics. Ein toleranter Bundesstaat. Hier darf man während dem Autofahren genüsslich einen von Sauce triefenden Hamburger schlemmen, telefonieren und eine Zigarre rauchen. Alles gleichzeitig. In anderen Teilen der USA wird bereits das Stirnrunzeln gegenüber einem Polizisten geahndet.

Das Manövrieren in unbekanntem Gefilde ist auch für jeden Nichtamerikaner ein Kinderspiel. Es ist anzunehmen, dass es in den USA nur einen einzigen Kleinstadtplaner gab, und seit seiner Pension 1974 fehlt es an innovativen Lehrlingen. Der Stadtkern zeigt sich jeweils modern, die „Zu verkaufen“ oder „geschlossen“ Schilder nehmen etwas ab. Die Stadtzufahrt besteht aus der typischen Orgie an Systemgastronomen, gruseligen Motels, Tankstellen, Versicherungsagenten, Hausmaklern und Abschleppdiensten.

Ich widerstehe der permanent lauernden Versuchung unterwegs Mokassins, Indianermesser, Traumfänger oder gar bewegliche Gebäude zu erstehen, dafür statte ich dem Indianerkasino „Route 66“ kurz vor Albuquerque einen Besuch ab. Unerwartet herrscht um drei Uhr nachmittags reger Betrieb. Kein Dresscode, Pyjama ist absolut okey. Faitez vos jeux! Siegessicher setzte ich meine ersten fünf Dollar auf die Unglückszahl 13, keine strategische Überlegung oder hohe Mathematik, eher ein Reflex. Es kommt die 13 und ich bin prompt 170 Dollar reicher. Ein üppiger Minutenansatz. So sieht der verblüffte Croupier weitere fünf Dollar in Richtung 24 wandern. Ein Reflex. Es kommt die 24, ich bin etwas irritiert. Beherrsche ich Telekinese? Die Croupiers tauschen sich ab, ich verteile einige „high fives“ und verabschiede mich.

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Ein nach Öl bohrender, Todesstrafe befürwortender, mit Pistolen fuchtelnder Republikaner in einem durstigen Pick-up? Richtig, ein Texaner. Ständiges überholt werden, bin ich mir ja gewohnt. Velofahrer und Passanten bilden wohl die einzige Ausnahmen. Die Effizienzzone meines Autos liegt bei knapp 95 km/h, daher behaupte ich mich schon länger gut als Lastwagenfutter. Meistens jedoch überholen mich monströse Wohnwagen, die Pick-ups ziehen, oder bullige Pick-ups, die Wohnwagen ziehen. Ab und an mit sechs Räder, hin und wieder mit Steg zum hinaufklettern. Zu Spitzenzeiten gewinnen sie 23:5 in der Überhol-Regionalmeisterschaft. Die grösste Nachfrage in den Vereinigten Staaten gilt derzeit nicht den Elektroautos, wie viele vielleicht annehmen, sondern den Pick-ups. Zwei Millionen Pick-up-Zulassungen sind bei knapp zwölf Millionen Gesamtzulassungen in Amerika eine beeindruckende Zahl. Gerade Texas, der US-Hauslieferant des schwarzen Goldes schickt etliche Benzinmonster auf die Strasse. Etwas kontrovers. Der zweitgrösste Bundesstaat ist zwar hauptsächlich für die Amerikanische Mobilitätsentwicklung der letzten hundert Jahre verantwortlich, jedoch längst nicht mehr nur ein Dorado der Öl- und Gasindustrie. Über weite Teile des Landes erstrecken sich gigantische Windfarmen, was Texas zum grössten Windenergie-Produzenten des Landes macht. Ich durchfahre eine Ölbohrallee und strande in einem Kaff, wo das Motel „Whitten-Inn“ mit seiner originellen Werbung um etwas Aufmerksamkeit buhlt. „Vier Gründe um bei uns zu übernachten. Erstens; Wir brauchen das Geld. Zweitens; Wir haben die saubersten Zimmer. Drittens; Bei uns arbeitet das freundlichste Personal. Viertens; Wiederholen Sie es.“ Das gefällt! Kein Schnörkel, direkt, unverfroren und überraschenderweise erfolgreich. Während ich die ersten Argumente wiederhole, verpasse ich glatt alle anderen vorbeikommenden Motels. Und siehe da, es parkieren bereits über 20 Pick-ups vor dem Whitten-Inn“.

Die Reputation vom Staat der Reaktionäre hat sich nicht grossartig verbessert während George Bush das Weisse Haus beschmutzte, und schon gar nicht als er den Scherbenhaufen wieder verliess. Wer als Demokrat Texas Stimme erobert, könnte den US-Bürgern wohl auch die Pick-ups und Hamburger ausreden. Ein Sonderfall waren die Sechziger Jahre unter John Fitzgerald Kennedy, der das Präsidentenamt leider nicht all zu lange inne hatte und die zwei Amtsperioden seines direkten Nachfolgers Lyndon B. Johnson. Ein untypischer Texaner. Bis zum Schluss seiner Politkarriere kämpfte Johnson für eine erschwingliche Krankenversicherung, Verbesserungen im Bildungssystem, Umweltschutz, Waffenkontrollen und vor allem die Gleichberechtigung der Afroamerikaner. Er erreichte, dass die Rassentrennung im gesamten Land gesetzlich für illegal erklärt und jegliche Diskriminierung von Farbigen verboten wurde. Die Apartheid hat vor allem in den Südstaaten eine lange Tradition. Vor dem Öl-Boom galt Texas als Inbegriff für die Kultivierung von Baumwolle und Zucker. Dafür wurden tausende afroamerikanische Sklaven beschäftigt, die an sechs Tagen die Woche auf den Feldern schufteten und den reichen Texanern hinterherputzten. Krankheit während der Woche wurde mit Sonntagsarbeit belohnt. Die Zeit der Sklavenhaltung ist schon länger kein Thema mehr, der schlechte Ruf klebt weiter. Altbackenheit kann man Texas aber nicht vorwerfen. „Houston, the eagle has landed“, sendete Neil Armstrong von Apollo 11 in das Kontrollzentrum der NASA. Die Fäden der Kommunikation zwischen Mond und Erde liefen in Texas zusammen. Eine Vielzahl hiesiger Hightech-Unternehmen wie Texas Instruments bereicherten unseren Alltag mit Transistorradios, Taschenrechnern und erschwinglichen Heimcomputern.

Auch der konservative Südstaat hat sein Gallien. „Keep Austin weird“, so der inoffizielle Slogan von Texas Hauptstadt. Die am schnellsten wachsende US-Metropole will verrückt bleiben, alternativ und cool. Eine Oase mitten in der konservativen Wüste. Vor allem die Kunst- und Musikszene ist engagiert. So nennt sich das ehemalige Waterloo am Colorado Fluss bescheiden „Live-Musik-Hauptstadt der Welt“. Gesagt, getan, Live-Musik gibt es in der 6th Street an jeder Ecke. Ich will dem Versprochenen auf den Zahn fühlen und nehme mir vor in jeder Bar ein Bier zu trinken wo Live-Musik gespielt wird. In Bar Nummer neun schmeisse ich das Handtuch, spende noch einige Dollar in den Pott der Haarschopf kreisenden Death-Metal-Band und verschwinde. Es ist Montag um zwei Uhr nachts.

In Austin gehört Alkohol zu den Grundnahrungsmitteln, erläutert Sophia als wir zusammen Vodka rauchen. Es gibt auch eine Recycling-Graffitizone, wo man sein Graffitti während ein bis zwei Tagen offiziell platzieren kann, bevor es jemand anders dann wieder übersprüht. Vermutlich eine rebellische Reaktion auf ein altes Gesetz, welches das Graffitisprühen auf fremde Kühe untersagt. Vieh wird in Texas speziell gut behandelt. Zumindest formell. Es ist nach wie vor per Gesetz verboten im zweiten Stock eines Hotels einen Büffel zu erschiessen. Da feiern die einen wilde Büffel-Paradies auf der zweiten Etage und lachen sich ins Huf, während ihre trotteligen Artgenossen im ersten und dritten Stock vor einer Schar texanischer Massenschlachtereien Zuflucht suchen.

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Mit über 500 Hinrichtungen in den letzten 40 Jahren belegt der Texas unangefochten Platz eins im nationalen Vergleich. Die texanischen Richter verhängen mehr Todesurteile als die nächsten sechs Bundesstaaten der Liga des Todes zusammen. Einzig Kalifornien hat faktisch mehr verurteilte Personen, die auf ihr Ende warten. Jedoch sind die Richter in Texas viel härter drauf, in nur drei Prozent aller Fälle wird hier ein Todesurteil nicht vollstreckt und zum Beispiel in „Lebenslänglich“ umgewandelt (der Landesdurchschnitt liegt bei 68 Prozent). 32 von 50 Bundesstaaten halten an der Todesstrafe fest und büssen brutale Verbrechen mit der Giftspritze (da es öfter zu Lieferengpässen des Giftes kommt, wird wieder vermehrt mit dem elektrischen Stuhl geliebäugelt).

Obwohl es in den Vereinigten Staaten nicht mehr mordlustige Verrückte gibt als sonstwo auf der Welt, können mordlustige Verrückte in Amerika wesentlich einfacher Waffen kaufen. Laut einer kürzlich veröffentlichen Studie haben neun von zehn Amerikanern eine Schusswaffe zu Hause. Obwohl nur fünf Prozent der Weltbevölkerung in Amerika leben, verfügt das Land über ein Drittel bis die Hälfte der weltweiten Schusswaffen in Privatbesitz, insgesamt an die 270 Millionen Waffen. Allein 2013 wurden 30’000 Amerikaner erschossen. Dennoch werden die Waffengesetzte nicht verschärft. Ein Grund ist die Waffenlobby (NRA), die zu den bestfinanzierten Lobbies in Amerika zählt. Nur sehr wenige Politiker legen sich gern mit der „National Rifle Association“ an. Auch Barack Obamas Ideen zur besseren Überprüfung der Besitzer, Limitierungen von Munition und Art der Waffe wollen nicht so richtig gedeihen. Neue Regelungen sind vor allem dann en vogue, wenn wieder jemand durchdreht und in einer Schule oder einem Kino sein Maschinengewehr ausprobiert.

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