Einen Highway adoptieren? Achtung verehrte Sponsoren, Amerikas Strassenabschnitte stehen frei zur Übernahme. Konstantes Linksfahren, Polizisten anpöbeln, betrunken mit 150 Sachen über den Teer brettern ohne dabei in einem Meer an Bussgelder zu versinken? Nein. Es winkt lediglich etwas Ruhm und Ehre, und eine schicke Namenstafel. Der Aufwand für Strassenunterhalt und das hinterherputzen der müllenden Gesellschaft sei enorm, der finanzielle Aufwand kaum tragbar. Also wieso nicht ausserhalb des Staatapparats betteln. Ja sogar der Kuk Klux Klan hat partizipiert und sich einen Abschnitt ergattert, musste aber nach einigen Protesten eines meuternden Pöbels wieder aussteigen. Das selbe galt für die Amerikanische Nazi-Organisation, dessen Schildchen sich Vandale angenommen haben.

Dem Autonomaden wird in den Staaten kaum langweilig. Den kalifornischen Ocean Drive bzw. Highway 1 entlangdüsen, den Pazifik stets im Blickfeld, ein kitschiger Klassiker! Von Pelikanen besetzte Strände, Robbentenöre zum einschlafen, goldbraune Hügel. Und plötzlich, Wüste. Ich schätze, es gab im Vorfeld Spezialrabatte auf die Miete eines Mustangs, oder es gehört zum Kalifornien-Standard-Reisepaket dazu, GO-PRO auf dem Dach vormontiert, bereit das ganze festzuhalten und viral noch mehr Klischée-Fanatiker anzulocken.

Riesige Werbetafeln stossen neue Vorsätze an, helfen beim resignieren oder verführen zur kalorienreichen Völlerei. Subway präsentiert das grösste Sandwich, dass ich je gesehen habe (es hat kaum Platz auf dem Billboard), gefolgt vom Angebot eines Cardio-Workshops. Einige hundert Meter später lockt Pepsis Werbeplakat mit „real sugar“. Reine Gegenwehr, der Amerikanische Konsument ist sich neuerdings der Krebs erregenden Designer-Süssstoffe bewusst. Kurz darauf präsentiert eine ältere Frau Mitte 50 mit Stolz ihre XXXL Hose, sie hat es endlich geschafft! Dank einem erfolgsversprechenden Abnehmprogramm ohne Jojo-Effekt. Bald sind irgendwelche Wahlen. Ein FBI-erfahrener Texaner kandidiert als kalifornischer Sheriff. Er punktet vor allem in der konservativen Ecke. Ein Machertyp, der den ersten Buchstaben seines Namens als illustrierte Pistole abbilden lässt. So einer kann kalifornien nur beim Aufräumen helfen. Sogar die Maschinengewehr-Schiesshalle in Nevada darf Aussenwerbung schalten. Aber natürlich auch all die Indianer-Casinos, die den Glückspiel-Sektor kontrollieren. Rund ein Drittel der noch verbliebenen und anerkannten Indianerstämme der USA führen Spielkasinos und nehmen die weisse Haut aus. Ihre Reservate gelten als rechtsfreier Raum, eine rentable Gesetzeslücke. Die Erfolgreichsten machen Umsätze in Milliardenhöhe und sind eine ernstzunehmende Konkurrenz zu den Zockerparadiesen in Nevadas Reno oder Las Vegas, wo das Glückspiel offiziell toleriert ist. Die Einnahmen fliessen in die Infrastruktur der Reservate, wie Krankenhäuser, Schulen und neue prächtig funkelnde Casinos. Andere Stämme teilen den Profit am Lagerfeuer fair unter allen Mitgliedern.

Zur Bildgalerie von Highway 1 (Ocean Drive)

Nach einigen Ruhetagen in der Agglo von Sacramento, San Francisco und anderen Orten von denen ich mir die Namen nicht versucht habe zu merken, freue ich mich auf ein Stück Amerikanische Pioniersarbeit in punkto Strassenbau und die damit verbundenen Geschichten. Die legendäre „Route 66“. Symbol für Freiheit, Ungebundenheit, Abenteuer und Aufbruchstimmung. Von Santa Monica an der Westküste nahe Los Angeles führt die 3’945 Kilometer lange Strasse durch acht Bundesstaaten bis nach Chicago. Als Möchtegern-USA-Nostalgiker will ich zumindest einen Teil der Route abfahren und miterleben wie der Zahn der Zeit Amerikas Geschichte nagt. Reifen an Reifen mit Motorradbanden, einsamen Lastwagenfahrern und Pensionären. Der Nationalstolz als stummer Beifahrer.

1915 machte der Motorradfahrer Erwin G. Baker Schlagzeilen als er das Land von Küste zu Küste in elf Tagen durchquerte und danach über „Wege wie frisch gepflügte Äcker“ berichtete. Im Zuge des aufkommenden Autoverkehrs nach dem Ersten Weltkrieg wurden unzählige Strassen hingepflastert – der Ruf wurde laut nach einer durchgehenden Strassenverbindung von der Ost- an die Westküste, die noch immer durch die Gebirgskette der Rocky Mountains und durch Wüsten vom Rest des Landes abgeschnitten waren. Die wichtige Ost-West-Verbindung wurde ab dem Jahr 1926 sukzessive als „US Highway 66“ ausgebaut, auch indem man schon bestehende Strassen miteinander verband. Teilweise wurden so alte Fahrrouten modernisiert, die noch von Siedlern mit klapprigen Planwagen bereist wurden. Als eine der wenigen Zahlen, die in den betroffenen Bundesstaaten noch nicht vergeben wurde, wählte man eben die Nummer 66. Die Route förderte den Umzug in die entferntesten Gegenden. Etliche Menschen zogen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an die Westküste, wo zu jener Zeit, unter anderem durch die florierende Rüstungs- und Flugzeugindustrie, mehr als 200’000 Arbeitsplätze geschaffen wurden. An einem frühen Teilstück der Route 66 eröffnete 1905 die erste Tankstelle (vorher kaufte man sein Benzin noch in kleinen Läden). Kurz darauf entstand das erste Drive-in-Restaurant und 1934 wurde in Normal (Illinois) mit dem ersten Steak’n Shake-Schnellrestaurant mit standardisierten Menüs und knappen Portionierungen der Vorläufer des Fastfood-Konzeptes eröffnet. Nachdem das „Motel Inn“, das erste Motel, 1925 im kalifornischen San Louis Obispo eröffnete, verbreitete sich die spartanische Art der Übernachtung für Autofahrer entlang der Route 66. Das erste McDonald’s Restaurant öffnete 1940 im kalifornischen San Bernardino an der Route 66 seine Türen. Diverse Geschäfte und Läden folgten um die Nachfrage der vielen Pendler zu decken. Das Buch „Früchte des Zorns“ vom Nobelpreisträger John Steinbeck gibt einen guten Einblick in die Aufbruchstimmung der 60er Jahren.

Die Route 66 konnte jedoch der immer mobileren Bevölkerung nicht lange Stand halten. Der Verlauf der Strasse wurde ständig umgewürfelt. Während des allmählichen Niedergangs der Route 66 wurden ihre Tankstellen, Restaurants und Motels romantisch verklärt. Bald umgab die Strasse ein ähnlich mythischer Kult wie die Cowboys des Wilden Westens. Am 13. Oktober 1984 wurden die letzten Meilen der Route 66 in Williams/Arizona durch den Interstate 40 ersetzt, so dass heute insgesamt fünf Interstate Highways den Ersatz für die historische Route 66 bilden. Diese Highways verlaufen oft parallel in Sichtweite zur alten Route 66. 1985 wurde die Bezeichnung U.S. Highway 66 aufgehoben. Ein finanzielles Fiasko für viele Geschäfte und Bürger. Dank der Route 66 hatten diverse kleinere Orte nahe der Route die Möglichkeit, Handel zu treiben und dadurch eine eigene Mikrowirtschaft aufzubauen.

Der grösste Teil der noch befahrbaren Strecke ist heute in schlechtem Zustand, einsam und verlassen und wird eher von der einheimischen Bevölkerung genutzt. Vorbei die Blütezeit. Souvenirläden, kleine Museen, originale Diner-Cafés, Tankstellen und Motels mit herunterhängenden Neonbuchstaben warten sehnlichst entlang der Route 66 auf einen Kunden. Oder Käufer. Viel steht bereits leer, verottet und versucht dem Verfall zu entkommen. Ich zähle etliche Geisterhäuser. Die Leute von „adopt a highway“ haben hier schon lange aufgegeben und sogar die vorbeirollenden Strohbälle haben sich verzogen.

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Bevor die junge Nation in der Zeit der Industrialisierung 1913 mit der Fliessbandproduktion des Ford T begann und emsig das Strassennetz ausbaute, wurde auf Schienen gesetzt. Ein biederer Konkurrenzkampf zweier Beförderungsmittel. Was Jahre zuvor noch als Ikone der USA galt und zum Transport von Corps und Kriegsmaschinerie beitrug, aber auch den Goldabbau im Westen mitgestaltete, war plötzlich nicht mehr gefragt. Individualisten, Industrie, Staat und allerlei Lobbies bevorzugten das Automobil. Die wenigen Eisenbahnlinien waren in staatlicher Hand und arbeiteten immer mehr mit Verlust. Heute fristet der Zug in Amerika ein tristes Dasein, es fehlt an Schienenwartung,  deren Ausbau, Konsumenteninteresse und vor allem; an Knete. Das Modell T war für Jahrzehnte der meist gebaute Pkw, mit einem Marktanteil in den USA von zeitweilig über 50 Prozent. (In Europa folgte Deutschland dem Amerikanischem Beispiel und begann zehn Jahre später mit der Fliessbandproduktion des Opel Laubfroschs. Mitte der 1930er-Jahre ordnete Adolf Hitler den Bau eines Volkswagens an – des späteren VW Käfer.) In den USA kommen derzeit auf 1’000 Einwohner insgesamt 641 Fahrzeuge – Weltspitze. Die Autombilindustrie wiederum hat in den letzten Jahrzenten so ziehmlich alle Zeichen der Zeit verkannt und wurde grösstenteils ins Ausland verlagert.

Düsteres Flagstaff, Arizona. Die erste „national dark sky city“. Strassenlaternen beleuchten die Kleinstadt auf Minimalstufe. Dank der seichten Lichtverschmutzung sieht man praktisch jede Nacht die Milchstrasse. Altehrwürdige Hotels und Theater sind die neuen Szenebars in Flagstaffs Downtown. Hier habe ich während einigen Tagen einen Unterschlupf bei Chandra. Auch sie umgibt ein Hauch Naturfetisch. Zusammen erkunden wir einen Tag den Grand Canyon, die weltberühmte, 450 Kilometer lange, sechs Millionen Jahre alte Schlucht. Die spektakuläre Anfahrt durch das fruchtbare Flachland Arizonas deutet keineswegs auf eine von tiefen Furchen strotzende Landschaft, welche überraschend hinter dem Horizont auftaucht. Hier wohnen neben zwei bis drei übriggebliebenen Kondore, diverses Wildgetier aber auch fiese Klapperschlangen. Um der Lage Herr zu werden, gönnen wir uns frittierte Klapperschlange zum Abendessen. Schade, dass der kommerzielle Fang etwas riskant ist. Ich bin angetan von dieser Supernova aus Stein, klappe meinen Unterkiefer hoch und ergattere mir am Folgetag eine Bewilligung für drei Tage Camping im Canyon. Natürlich reicht dies keineswegs um sich seiner Grösse bewusst zu werden. Ein hors d’ouvre. Hier sperrt man sein Essen vor gierigen Rabenkrallen, Kojoten und Katzenfretts weg. Ich schaue fasziniert auf die Erektion der „Century Plant“, einer Agavenart. Hundert Jahre geduldiges Warten, stolz eine drei Meter hohe Blüte ausfahren, Samen entsenden, dann vor Erschöpfung sterben. Obwohl der Park jedes Jahr sechs Millionen Besucher ertragen muss, kann man trotzdem auch im Wald nebenan ganz abgeschieden, idyllisch und kostenlos logieren. Das „Vorsicht Puma Schild“ sehe ich erst auf dem Rückweg.

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