Ein Paradox. Bizarre Medizin für alle Sinne. Spasskonzentrat mit hohem Suchtpotential und wohl die Party meines Lebens. Burning Man zu erklären kommt der Beschreibung einer Religion oder der Periodentabelle ähnlich. Wo soll man anfangen, wo aufhören? Um den Event richtig zu verstehen, muss man es selbst miterleben, die einzigartige Atmosphäre spüren, die Zähne mit Nevadas Wüstenstaub putzen.

Die menschenfeindliche Trockenzone „Black Rock Desert“ wird jeweils Ende August für eine Woche zum Mekka für mittlerweile 66’000 Künstler, Artisten, Musiker, DJs und Geniesser. Ist die epische Szenerie in der Grösse von Downtown San Francisco einmal aufgebaut, nennt sich das ganze „Black Rock City“. In dessen Zentrum befindet sich der Kunstkern, in dessen Mitte die 20 Meter hohe Ikone, der „Man“ tront. Der Strip zirkelt um den Kunstkern und entsendet Strassen in alle Himmelsrichtungen, benannt nach Uhrzeiten. Ich wohne 5:30 a.m. & Jade. Eine friedlicher Vorort mit netten Nachbarn aus Paris und Denver.

burning man map

Die Gemeinschaft orientiert sich an zehn Leitsätzen, die den Kult von Burning Man und Black Rock City wahren sollen (wie: parzipieren, Selbstdarstellung, andere beschenken, Umwelt respektieren etc.). Ein Lineup mit berühmten Bands oder Plattendrehern sucht man vergebens, für die vielfältige musische Beigabe ist die Gemeinschaft verantwortlich. Das Resultat? Eine Musiklawine. Zu hinterwäldlerischen Klängen eines Hillbilly-Quartetts schunkeln, danach zu Live-Jazz relaxen, während einem Snack eine Tenorstimme bewundern, anschliessend schöner Poesi oder abstrusen Anekdoten lauschen und zum Höhepunkt an 30 verschiedenen Electro-Parties das Tanzbein schwingen. An einem Tag durchaus möglich.

Hat man das Ticket erworben, aufgetankt und alle Einkäufe erledigt, besitzt Geld keinerlei Macht mehr (ausser im Iglu und Kaffeehaus). Auf der Playa wird geholfen, partizipiert, verschenkt und beschenkt. Dusche gegen Bier, Arschstempel gegen Bier, Bier einfach so. Ein aus Glas gebranntes Amulett für Schweizer Schokolade, Melonenschnitz für eine Umarmung. Ein Hauch alternativer und kreativer Esprit kann nicht schaden. Einzigartige Verkleidung oder spezielles Outfit? Ein absolutes Muss und Essenz des Events! Um der schnelllebigen und modernen Welt voll von verrückter Technologie, sozialer Scheinwelt und digitaler Offenbahrung eine Woche zu entfliehen, drehe ich die Zeit einige Jahre zurück und zwänge mich in einen altmodischen, schicken Sonntagsdress. Was gestern war wird heute sein. Mutige Kleiderwahl, denn Nevadas Wüste und die häufigen Sandstürme zaubern aus meinem gepflegten Outfit in Windeseile ein braungraues, dezent edles Pennerkostüm. Der Look wird zusätzlich begleitet durch Füsse die denen von Frodo gleichen, als er nach monatelanger Reise in Mordor angekommt. Wer trotz aller hippen Möglichkeiten nichts passendes findet, geht oben ohne, unten ohne (Shirt Cocker), oder beides. Nacktheit ist bei beiden Geschlechtern generell ein beliebtes Genre auf der Playa. Ich bin also nur kurz überrascht, als ich nach einigen Minuten heiterem Geplauder mit einem kanadischen Paar unverhofft bemerke, dass er unten nichts trägt.

Im Vorfeld stellt sich die Frage, ob man einer Gruppe (Camp) oder einem Themen-Camp angehören will. Ich wurde im Vorfeld hin und wieder in so ein Themencamp eingeladen. Von der Beaver-Ranch zum Beispiel. Wo jeder als Erkennungszeichen ein hübsches Tiergesicht aufgemalt bekommt. Kürzlich habe ich dann grinsend vom Camp „Black Rock City Animal Control“ erfahren. Die BRCAP schützt die Playa-Bewohner vor solchem Partytigern, fängt sie, sperrt sie ein, oder betäubt sie mit Tequila. Themen-Camps schaffen aber auch interaktive Kunst, bieten kostenlose Getränke oder Essen und organisieren wilde Parties. Ich entscheide mich für totale Flexibilität. Als Burning Man Virgin (Jungfrau) ist der Event sowieso noch viel aufregender. Am Eingang bekommt man zuerst eine sinnliche Umarmung, wird zu Hause willkommengeheissen gefolgt von der Aufforderung einen kullernden Seestern im staubigen Wüstensand vorzuführen. Nach zehnstündiger Anfahrt und fünf Stunden in der Ticketabholschlange ein geschätztes Begrüssungssgeschenk.

Et Voilà, hat man seine Würde am Eingang zurückgelassen, kommt das Festival-Programm. In Buchform. Was für ein Druckmittel, man hat bereits ansatzweise einen Grobplan, will ja nichts verpassen und dann noch ein Buch. Nach drei intensiven Tagen habe ich mich an das Leben in Black Rock City gewöhnt, setze mir nur noch eins bis zwei Tagesziele, wie ein Camp besuchen oder zur richtigen Zeit beim Taco-Stand sein. Der Rest ergibt sich sowieso irgendwie. Es wäre utopisch zu glauben, man könne in fünf bis acht Tagen alles in Black Rock sehen. Pro Tag finden an die hundert Workshops und Events statt, dazu werden in 80 verschiedenen Camps Drinks ausgeschenkt und unzählige Parties gefeiert.

Während dem Festival schwirren auf der Playa mehr Fahrräder umher als in manch einer Grossstadt. Mit dem Unterschied, dass diese bis zur Perfektion augemotzt und auffällig beleuchtet sind. Je einzigartiger desto besser. Das beschleunigt den oft wiederkehrenden Prozess sein geparktes Bike in der Dunkelheit wiederzufinden und nicht unter einem der rollenden Kunstwerke zu landen. Die Truppe „Land Sharks“ bereichert das Schauspiel mit ihren neon leuchtenden Hai-Autos, welche die Fahrradfahrer nächtlich durch die Playa jagen.

Die einzigen Fahrzeuge, die neben Velos eine Fahrerlaubnis in Black Rock City haben, sind die „mutant vehicles“ respektive „art cars“. Jahrelang schrauben und schweissen die Exhibitionisten an ihren kuriosen Fortbewegungsmitteln, die ganz offensichtlich nur in der Wüste eine Fahrerlaubnis bekommen. Es ist als ob man die Büxe der Pandorra öffnet. Daraus entweicht unter anderem der feuerspeiende Oktopus (halb Endzeitfahrzeug halb Gasflasche), ein sieben Meter Stachel mit einem Skorpion dran, ein neonrot blinkender Dreimaster, eine fahrende Tribüne, Aladins Teppich oder das klappernde Gebiss. Es kreuzen aber auch rastlose Party-Bühnenbilder, die zum Tanzen zwingen oder motorisierte Seifenkisten, Spielplätze, Ungeheuer. Faktisch haben alle Art Cars etwas gemeinsam, es sind Bass schleudernde Konstrukte, die Feuer speien, im Dunkeln bunt leuchten oder beides. Anhalter werden gerne zur Kunst- und Partysafari mitgenommen, was das Erkunden der Playa zu einem unbeschreiblichen Abenteuer krönt.

So sieht ein typischer Tagesablauf in Black Rock City aus.

9:00 a.m. Dreifacher Espresso
9:45 a.m. Sauergurken-Shot, Tequila, Erdnussbutterkanapée & farbiges Zuckereis
10:10 a.m. Leihen-Striptease
11:00 a.m. Bier in einem Camp
12:00 p.m. Pause beim Taco-Stand
1:00 p.m. Kurzer Stopp beim „lemon squize girl“
1:15 p.m. Tanz mit Windhosen
1:45 p.m. Dem Glasbläser Justin einen Wunsch aufgeben
2:00 p.m. Zappeln zu Fort Knox Five am Funky Friday
3:00 p.m. Weinen, da „Oben-ohne-Velo-Parade“ verpasst
3:30 p.m. Party mit ein paar Neuseeländern
4:30 p.m. Margarita in einer Bar
5:00 p.m. Erkundung von Kunstwerke in der offenen Wüste
5:15 p.m. Velo gegen Standsturm
6:15 p.m. Pause und Geplauder mit meinen französischen Nachbarn
8:00 p.m. Hot Sake in einem Camp
9:15 p.m. Feuershow beim Zirkus
10:00 p.m. Durch brennenden Reifen springen
11:00 p.m. Haare wehen zu Live-Rock
12:00 a.m. Snack bei Moonshine Toast
1:00 a.m. Durchstarten beim Pedalkarren-Rennen
1:30 a.m. Mitfiebern beim Gladiatorenkampf auf den Dach des Thunderdome
2:30 a.m. Mahlende Feuerwalze bestaunen
2:45 a.m. Mit Zimtwhiskey im Whiskey-Camp prosten
3:30 a.m. Bei 2-3 Parties mitfeiern
5:00 a.m. Velo suchen
6:00 a.m. Pause

Ein Grossteil aller festinstallierter Kunstwerke wird gegen Festivalschluss verbrannt. Die Planer und Erbauer des hölzernen Liebespaares brauchten zwei Jahre Vorlaufzeit und zwei Wochen Installation auf dem Gelände um ihr Meisterwerk dann unter rund 20’000 Augen frühmorgens verbrennen zu sehen. Im Mittelpunkt des Geschehens steht am Samstag der „Man“. Umzingelt von allen Art Cars und dem vorfreudigen Neonpöbel lodert die Holzstatue zwei Stunden. Ich sitze derweilen neben zwei authentischen Zirkusaffen. Aber auch der hölzerne Tempel bekommt seinen magischen Auftritt. Während der Stunde des Infernos ist es mucksmäuschenstill. Die im Tempel enthaltenen Nachrichten oder auch Erinnerungsschreiben an Verstorbene werden so in den Himmel gesandt. So die spirituelle Seite.

Egal ob man hierher kommt um sich beim Naktyoga zu besinnen, den Fisting Barbara-Workshop zu besuchen, sich am topless bike ride erfreut oder einfach sieben Tage durchfeiert und verrückte Leute kennenlernen will. Burning Man stellt de facto alles in Schatten, was man zuvor unter einer Festivalkultur zu verstehen glaubte.

Zum sehnlich erwarteten, total verrückten, vage zensierten, „nicht-annähernd-aussagekräftigen“ Einblick in das Leben in Black Rock City

4 Kommentare

  1. Hallo Claudio
    Gespannt habe ich auf diesen Bericht gewartet…ich habe in den letzten Tagen einiges über das Burning Man Festival gelesen und mir Fotos angeschaut. Ein verrücktes Festival!
    Wie immer, ein spannender Bericht und super Bilder dazu.Erhol dich gut, viel geschlafen hast du ja nicht 🙂 Liebe Grüsse Sara

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    1. Liebe Sara
      UUUh, was für schöne Worte. Ich denke du und Christoph würden absolut gut hier hinpassen. Vielleicht schaffen wir das ja mal alle zusammen. Die Atmosphäre ist genial, und praktisch jeder hat das Gefühl, Teil von etwas Grossem zu sein. Jeder ist freundlich und kreativ, einfach unglaublich. Schon verrückt 7 Tage durchzufeiern (Da nützt die OASG Festival-Erfahrung nur bedingt). Die Sonne hat mich jeweils früh aus meiner 10m2 Wohnung gejagt. Aber der Kaffee hat dann es jeweils gerichtet.
      Lieber Gruss nach Hause
      Claudio

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