„Cleaning Santa Cruz“. So lautet aktuell die ehrgeizige Parole der Polizei. Die gemütliche Kleinstadt an der amerikanischen Westküste wird bewohnt von einem facettenreichen Strauss an Wohlhabenden, Hipster und Surfer, aber auch Hippies, Drogenabhängigen und Obdachlosen. Letztere sind den Ordnungshütern ein ausgewachsener Dorn im Auge. Die Parkplätze entlang der Küste seien überfüllt von Leuten ohne festen Wohnsitz, die in ihren Karren schlafen und die Gegend zumüllen. Das Resultat der Initiative endete in einer Wut an Parkverbotsschildern, die das Freigeist-Image von Santa Cruz trüben. Die Junkies wiederum tendieren zum Raub von Fahrrädern. Es sei erwähnt, dass die Quote geklauter Fahrräder in Relation zur Anzahl Einwohner in Santa Cruz tatsächlich enorm hoch ist. Die 38-jährige Jane, eine kürzlich zugezogene Campervan-Besitzerin aus Colorado kann da gut mitreden, ihr Velo ist vor einem Monat spurlos verschwunden. Schlafen in Stadtnähe ist dank der zirkulierenden Polizei immer ein kostspieliges Wagnis. Jane sieht betrübt und gezeichnet aus.

Reisen als rastloser Vagabund mit marodem Van und coolen Velo, ade hohe Logiekosten, Immer mobil, stets spontan, nie gebunden an einen Ort.  – So beschatte ich also den Rest des Tages mein Beach Cruiser Bike und flüchte mit meiner Wohnung vor Strafanzeigen und Bürgerwehr nachts in den nahegelegenen Wald. Ego dimmen und nachdenken. Tarnkappenplane erfinden. Da ich bereits im Wald bin, erkunde ich tags darauf die Red Woods. Die majästätischen Küstenmammutbäume gelten mit bis zu 115 Meter als die höchsten Bäume der Erde. Die ältesten Exemplare sind über 2560, vielleicht auch bis zu 3900 Jahre alt. 1902 deckte ein durchschnittlicher Redwood den Materialbedarf von 22 Hütten ab, ein Schokoleben für die hiesige Holzfällerindustrie.

Der lokale Bauernmarkt ist etwas strenger organisiert als die rustikalen Märkte in Südamerika. Alles hat sein Plätzchen, Früchte tragen Einheitsgrösse und feilschen ist verpönt. Dafür gibt es Alternativkost wie Knoblauchwein und Knoblaucheiscreme. Ich kaufe mir einen Becher Knoblaucheiscreme (schmeckt unverhofft nach Knoblauch) und bitte um einen Knoblauchkaugummi für danach.

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Der famose Yosemite Nationalpark. Purer Amerikanismus. Schablonenfamilie sitzt zusammen am Campingtisch, überfreundliche Parkranger bilden die Ordnung. Mit seinen 3’000 Km2 ist der Park grösser als Luxemburg. Höhenbedingt gibt es fünf verschiedene Ökosysteme, die bewohnt werden von Schwarzbären, Berglöwen, einer Plage von Eichhörnchen, typischem Waldgetier und zig Mammutbäumen. Am Camping-Eingang von „Curry-Valley“ werde ich von zwei interessierten Rehkitzen und einem schwulen Parkwächter begrüsst. Einfach entzückend. Seit sechs Tagen scheint nun pausenlos die Sonne – kein Wunder, wird den Bewohnern von Kalifornien, dem grössten Staat in den USA, sogar per Gesetz Sonnenschein garantiert!

Schwarzbären in Yosemite haben den Ruf sich forsch in die Fahrzeuge der Parkbesuchern zu schleichen und Picknickkörbe zu stibitzen. Jahrelang waren die drolligen Pelztierchen eine oft gesichtete Attraktion an den Müllkippen des Parks. Zunehmend unliebsame Begegnungen zwischen Bär und Mensch sowie steigende Bärenrandale führten zu drastischen Massnahmen. Jegliches Behältnis musste abschliessbaren Containern weichen. Der moderne Camper hortet nun seine Einkäufe in Metallschränken, die jeder diebischen Bärentatze trotzen. Ich lege gedanklich einige Honigspuren zum überteuerten Valley-Supermarkt, der wohl die bombastischen Ausgaben für alle Installationen decken muss. Der Gang durch einen amerikanischen Einkaufsladen bringt einem gleich auch die hundertzwanzigjährige Immigrationsgeschichte der USA näher.

An die 70 Wanderwegen gäbe es zu bezwingen. Zur Vorspeise erklimme ich den „Inspiration Point“, der vor allem zur neuen Namensfindung inspiriert. Zweiter Versuch, die „Yosemite Falls“ locken mit einem bezaubernden Wasserfall, als Belohnung für den Drill von drei Stunden um 60 Grad bergauf. Aber nur bis Juni. Oben erwartet den motivierten Wanderer derzeit ein unbekümmertes Rinnsal, dass kaum an den Steinen vorbeikommt. Ich verbringe den heiteren Tag mit den Israelis Roi, Seffi und Ray sowie der Rumänin Katharina, alle auf Umwegen zum Burning Man. Unbewusst koche ich am Abend koscheres Essen. (Wer Couscous und Quinoa mag, sollte die israelische Variante versuchen.)

Das Beste zum Schluss. Eine kombinierte 22 Km Wanderung zum „Glacier Point“ und zurück. Gemäss Nachforschungen die „Kick-Ass Alternate Route“ (die Arsch tretende Alternativroute) für besonders ambitionierte Hiker. Der Pferdefuss? Beim Glacier Point wartet schon länger kein Gletscher mehr. Trotz aller Fehlschläge bei der Wanderweg-Benennung offeriert Yosemite eine wunderschöne Flora, allerlei pompöse Erdfalten und eine tadellose Parkorganisation.

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Muskelstrand. Engelsstadt. Blockbuster. Gestatten, Los Angeles, die zweitgrösste Stadt der USA hinter New York. Ein Ort wo Mann seine ungehorsame Ehefrau nicht ohne deren Einwilligung mit einem Riemen schlagen darf, der breiter ist als fünf Zentimeter. Solche veraltete aber immer noch geltende Gesetze gibt es in den USA haufenweise. Dass Beverly Hills und Bel Air zwielichtigen Gestalten in knatternden Vans das nachtparken verwährt, liegt eigentlich auf der Hand. Auf meiner routinemässigen nächtlichen Erkundungstour nach einem Gratisparkplatz lande ich zufällig mitten in der Nobelgegend, wo sich millionenschwere Villen mit in- und outdoor Pools, beleuchtete Palmen und bullige Luxuskarrossen häufen. Die Habe der Filmstars. Nach fünf Tagen ohne ordentliche Körperpflege finde ich meinen Schlafplatz schlussendlich in der Colgate-Street, wie ironisch.

L.A. ist weltgrösster Standort für die Flugzeug- und Raumfahrtindustrie, aber den Lorbeerkranz darf sich die Unterhaltungsindustrie aufsetzen. 20th Century Fox, DreamWorks, Flint Productions, Paramount Pictures, Warner Bros und The Walt Disney Company haben in hier ihren Hauptsitz. Der Stadtteil Hollywood gilt als Synonym für die amerikanische Filmbranche. Bevor die Traumfabrik Hollywood zum Inbegriff der Unterhaltungsindustrie aufstieg, wurde in New York gedreht. Vor 100 Jahren gab es kein adäquates Kunstlicht, es wurde also entweder im Freien gedreht oder in einem Studio mit Glasdach. So lockte vor allem das bessere Klima und die längeren Tage die Studios und Filmemacher an die Westküste.

Ein neuer Aufschwung nach der Filmkrise in den Fünfzigern begann erst in den 1970er und 1980er Jahren durch Regisseure wie Steven Spielberg und George Lucas. Sie entwickelten das Konzept des Blockbusters – eines teuer produzierten, mit Spezialeffekten zugekleisterten Monumentalfilms, der ein möglichst breites Publikum ansprechen sollte. Dank eines damals begonnenen Trends und der finanziellen Konsolidierung der US-amerikanischen Medienkonzerne ist Hollywood heute noch ein Symbol für den dauerhaften Erfolg der US-amerikanischen Filmindustrie und professionell produzierte, unterhaltsame Filme mit berühmten Schauspielern und Happy End. So versuche ich den Sektor zu unterstützen und gehe mit meinem Buddy Andrew ins Kino.

Einmal über die Namen lebender wie verstorbener Prominenter spazieren, mutig auf Chuck Norris und Arnold Schwarzenegger drauftreten. Diese Möglichkeit schenkt mir der „Walk of Fame“, der Gehweg mit über 2’500 Platten dessen eingelassene Sterne an die Koriphäen des Amusement erinnert. Wie zu erwarten, protzt L.A. mit einer unüberschaubaren Auswahl an Filmtheatern wie Alternativkinos, riesigen Kinokomplexe, Stummfilkinos, Autokinos, Parkkinos und sogar Friedhofkinos. Los Angeles behauptet sich auch als Modemetropole, das beweisen lange Schlangen vor Klamottenläden, kurz nachdem die hippe Ware der neuen Saison geliefert wurde. Süchtig macht aber vor allem Venice. Drehort von neun Staffeln der 90er Serie Baywatch (bereichert durch die haarige Ikone David Hasselhoff), Anlaufstelle für schwitzende Muskelberge (spätere Gouverneure von Kalifornien?), Szenetreff für Skater und Surfer, Beach Cruiser-Enthusiasten und mein Ort zum Kräfte tanken. Voller Vorfreude mache ich mich auf den Weg in die Wüste Nevadas, zum Burning Man Festival.

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