San Francisco. Die kalifornische Sonne sticht. Ein Typ mit beigem Anzug und weissem Cowboy-Hut grüsst mit einem freundlichen „Howdy“. In seinen Augen blitzen Dollar-Zeichen und der einsame Goldzahn funkelt verdächtig während er über das sichere Geschäft mit dem ungestümen Ausländer nachdenkt. „My boss will kill me if he would know about this offer“, meint er. Nach etwas einseitigem Gefeilsche und durchdachter Argumentation seinerseits, nicke ich zufrieden. Brüderlich und strategisch geschickt zieht er mich über den Tisch und verkauft mir eine rostige Benzinschleuder einer Marke, die nicht mehr gebaut wird. Ich bezahle den horrenden Betrag mit einem ungedeckten Scheck.

So hatte ich mir das ausgemalt. Meine rollende Unterkunft finde ich jedoch in einer typisch amerikanischen Vorstadt nähe San Jose, wo die ATM Geldautomaten neben englisch, französisch und spanisch auch koreanische Sprache anbieten. Eine Gegend wo KMC Radio für günstige Telefongespräche nach Südamerika wirbt und Mexikaner den Rasen mähen. Dennoch flattert die rotblauweisse Flagge mit den 50 Sternen vor jeder Einstockvilla. Passend zum Klischee zieren jeweils zwei bis drei Fahrzeuge eine Garageneinfahrt. Ich stehe mitten in einer Nebenstrasse des amerikanischen Traums und kaufe mein erstes Vehikel. Privat. Das birgt zwar einige Gefahren, Behördenkram mit rosa, grauen und grünen Formularen und einen Verlust von drei Ferientagen, doch das Sparpotential selbst ohne erfolgreichen Wiederverkauf ist üppig. Ein Auto Klauen wäre die wohl günstigste Alternative und aufgrund Statistiken gang und gäbe in den USA. Als erstes wasche ich den alten Besitzergeruch weg. Persönlich, denn zu suspekt scheint mir das ältere Gesetz aus San Francisco, dass Autos nicht mit gebrauchter Unterwäsche gewaschen werden dürfen.

Mit steil nach oben gezogenen Mundwinkeln und meinem neuerstandenen Dodge, Baujahr 1997, düse ich durch das Herz von Silicon Valley zurück nach San Francisco. Umgeben von all den modernen Soft- und Hardware Unternehmen, die hier das Licht der Welt erblickten, schämt sich mein Van bis ins Reifenprofil. Verständlich, VHS und Musikkassetten sind schon lange „out“. Das in den fünfziger Jahren gegründete Forschungs- und Industriegebiet „Silicon Valley“ lockte allerlei IT-Pioniere an. Vor allem die unscheinbare Kleinstadt Palo Alto ist stets präsent in den Schlagzeilen. Hier residiert das Hirnschmalz-Entwicklungszentrum, die ruhmreiche Stanford University. Diverse Nobelpreisträger spazierten auf ihrem Campus. HP’s Gründervater startete in Palo Alto einst in einem kleinen Garagenschuppen und der kürzlich verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs entwickelte hier seinen Macintosh. Mark Zuckerberg, der stinkreiche Drahtzieher der sozialen Krake Facebook leitete bis vor wenigen Jahren seine Geschäfte von Palo Alto aus. Aber auch das angrenzende Cupertino und Sunnyvale sind nicht ohne. Hier tüfteln die Hauptsitze der Mega-Firmen wie Google und Yahoo an der Technologie von Morgen. Sogar die mittlerweile zehn Milliarden schwere Buchungsplattform Airbnb kommt aus der Gegend.

Mit einem blinkenden Lichtermeer im Rückspiegel werde ich von einem Polizeiauto durch Los Altos gejagt. „Stay in the car sir! Stay in the car!“ Weder mein hastiger Halt direkt vor dem örtlichen Feuerwehrdepot noch das abrupte Aussteigen ohne vorausgehende Signalisierung findet grossen Anklang. Nach drei Tagen Nachforschungen, Registrierungen, Versicherungsfragen und Kosten von knapp 4’000 Dollar wird mir liebeswürdig mitgeteilt, dass Rot auch in Amerika Stopp bedeuted und ich in Bundesstaat Kalifornien nur mit einem kalifornischen Führerschein auf die Strassen darf. Ich soll also ratz-fatz die Fahrprüfung nachholen. Ein schöner Fauxpas. Der Polizist zeigt sich aber unerwartet einsichtig und will sich nach einigen Recherchen um Spannenderes kümmern. Stumm entscheiden wir, dass ich Kalifornien so schnell wie möglich verlasse.

Die spanischen Eroberer schickten im 16. Jahrhundert zwei Expeditionen in den Norden Amerikas, um die Westküste zu erkunden. Hernán Cortés hatte eine „Halbinsel zwischen Golf und Ozean“ entdeckt und nannte sie California. Francis Drake und andere Seefahrer waren früher bereits nahe der Halbinsel, konnten die Einfahrt zur Bucht jedoch aufgrund des häufigen Nebels nicht sehen. San Francisco wird jetzt noch liebevoll, „fog-city“ (Nebelstadt) genannt. Europäische und russische Siedler, Pelzhändler und Pioniere liessen sich aber erst ein Jahrhundert später im heutigen „Downtown“ von San Francisco nieder, 300 Jahre nach der offiziellen Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus.

Nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg 1848 krallte sich die USA auch San Francisco, mit einem offensichtlichen Motiv. Zwei Jahre später kam der Goldrausch. Innerhalb von nur einem Jahr stieg die Einwohnerzahl von 900 auf 23’000 an (nur 300 davon waren weiblich, kein Wunder, beheimatet San Francisco die grössten Schwulenbewegung.) Begeistert wurde geschürft und gegraben. Etwas später wurde das Stadtbild bereits durch viktorianische Häuser geprägt, Firmen wie die Bank Wells Fargo oder auch Levi Strauss & Co. entstanden. Zur Erinnerung, unsere geliebten Jeans wurden einst als robuste Arbeitsbekleidung für die Goldgräber entwickelt.

Seit den Siebzigern und Harvey Milks Vorzeigekampf für Gleichberechtigung eilt San Francisco der Ruf eines Homoparadieses voraus. Ich besuche das putzige Viertel Castro, sozusagen das homosexuelle Epizentrum. Damals war es in diesem Stadtteil völlig okey, nackt durch die Strassen zu stolzieren. Neue Regeln wie das „wiener ban“ (das Schnidel-Gesetz) verbietet das Gehänge offen zu tragen. Die Exzentriker fühlen sich dadurch eher provoziert, zeigen sich erfinderisch und bedecken ihr Glied mit einem Disco-Vorhang oder einem lustigen Tierchen-Outfit. San Francisco bleibt offiziell das Zentrum der US-amerikanischen Gegenkultur. Früher waren es die Hippies, die hier alle Hände voll zu tun hatten, heute sind es die zahlreichen Hipster.

Wer an San Francisco denkt, hat automatisch eine hügeliges Stassennetz, kurlige Trams und eine stählerne Hängebrücke im Kopf. Letztere, die „Golden Gate Bridge“ ist bereits seit 77 Jahren das zuverlässige Bindeglied über die Öffnung der Bucht, der „Golden Gate“. Der Name schmeichelt jener Zeit der nordamerikanischen Hoffnung auf Reichtum und Aufbruch. Mit satten 27’000 Kilogramm Rot wird die Ikone jährlich auf Vordermann gepinselt. In Sichtweite befindet sich das berüchtigte Inselgefängnis „Alcatraz„. Aus der Ferne betrachtet macht es einen ganz gemütlichen Eindruck. Drei Jahrzehnte sassen hier jedoch die schlimmsten Verbrecher der USA ein, bis der Hochsicherheitstrakt vor 50 Jahren die Pforten schloss.

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