Gluthitze, stechende Hitze, schwüle Hitze, tropenfeuchte Hitze. Mexikos Osten beschert einen hochspannenden Wettermix. Täglich summe ich in Tulum ein rinnendes Klagelied auf hohem Niveau.

Tulum (auf Mayathan Tulu’um, Mauer oder Festung) liegt an der Riviera Maya, dem Streifen entlang Mexikos Karibikküste. Im Gegensatz zu den anderen Maya-Fundstätten liegt Tulum direkt am weisssandigen, türkisfarbenen Meer. Ich rätsle. Gab es damals bereits Mayas mit mehr Bauernschläue, die den Badetourismus fokussiert haben und städtische Maya-Kollegen zu überteuerten Bootstouren einluden? Am Abend wurde dann geselliges Feindeopfern am Strand zu Kokosnuss mit Rum geboten.

Kleine Fensteröffnungen in den übriggebliebenen Gemäuern zeigen die Ausrichtung und Weiterleitung von Sonnenstrahlen zum Winteranfang am 21. Dezember. Die Wiege des Maya-Kalenders.  Ausserdem ist die Gegend famos für ihre Cenoten, welche zusammengezählt mit über 1’085 Kilometer Länge zu den weltweit grössten Unterwasserflüssen zählen. Für die Mayas dienten die Cenoten nicht nur als Brunnen sondern auch als heilige Kraft, ein Eingang zur Unterwelt. Ehrfürchtig wurden am Rand der Cenoten Rituale und Zeremonien abgehalten. Hin und wieder stiess man aufmüpfige Gegner zu Opferzwecken in die klaren Wasser, für Maya-Kenner längst keine Überraschung mehr.

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Die sieben Weltwunder. Auserwählt von einem zwielichtigen Gremium. Von wunden Menschenhänden geschaffene Objekte. Nachhaltig schön, oder nachhaltig geschönt. Von Peinigern gepeitschte Habenichtse schuffteten Jahrzehnte wenn nicht Jahrhunderte an Prestige-Bauten wie den Gizé Pyramiden in Ägypten, der grossen Mauer Chinas oder der Maya-Anlage von Chichén Itzá in Yucatán, Mexiko. Trotzdem bin ich vom Areal beeindruckt! Wer gerne alte Steine mag, der kann sich hier sattsehen. Der archäologische Fundort beinhaltet eine Stufenpyramide im perfekter triangulärer Form, ein gut erhaltenes Observatorium, das grösste Ballspielfeld der Maya-Geschichte, einen  Palast mit über tausend Säulen (mit viel Raffinesse getauft auf den Namen „Palast der tausend Säulen“) und einen Parkplatz mit genügend Fläche für knapp dreihundert Reisebusse.

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Meerestierliebhaber und Schnorchelsüchtige sollten mindestens einmal im Leben zu den Riffen nach Cozumel, schwärmt die Mund-zu-Mund-Propaganda wie auch die Wasserratte Jacques Cousteau. Cozumels Marketingabteilung nennt das Inselchen bescheiden „Heaven on earth“. So dann.

Erleichtert atme ich auf. Der stark betrunkene Kapitän wird kurzerhand ausgetauscht, meinen schwerelosen Entdeckungstouren steht nichts mehr im Weg. Ich geniesse meinen ersten „Drift-Dive“, wobei einen die Strömung durch cyanfarbiges Wasser entlang dem kunterbunten Korallenriff treibt. Ein Spektakel aus gut behüteter Vegetation und Verstecken für grosse und kleine Jäger. Die Riffe sind Teil des Nationalparks und werden daher mit Samthandschuhen gehätschelt. Während eine Gruppe von acht gut genährten Leibern an mir vorbeiquillt und ich vor lauter Tauchfreunden und deren Stickstoffblasen fast meine Gruppe aus den Augen verlieren, fragen ich mich jedoch etwas ab der Nachhaltigkeit.

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Das Schönste zum Schluss. Isla Mujeres. Titelseite des Mexiko Ferienkatalogs, Hochglanzpapier. Feinsandige Strände, langandauernde Sonnenuntergänge, erstklassiger Seafood und dicke Mexikaner, die wie üblich in Kleidern baden. Das karibische Meer bietet neben hinreissenden Blautönen auch leckeres Plankton für den grössten Fisch der Gegenwart. Aufgeregt buche ich ein persönliches Treffen mit den Walhaien. Mit meinem Erkundungstrupp treffe ich unerwartet auf eine Ballung von über hundert der majestätischen Tiere. Mit Schnorcheln bewaffnet verfolge ich in graziler Haltung die bis zu 13 Meter langen und 12 Tonnen schweren Kolosse. Unsere Augen trennen wenige Zentimeter, ein Erlebnis der adrenalinreichen Art.

„Da wir alle aus dem Meer stammen, glaube ich das die Menschen den Wunsch und die Faszination haben dorthin zurück zu kehren“, sagt Jason de Caires Taylor. Der britische Künstler ist der Schöpfer des einzigartigen Skulpturenparks im Unterwasser-Kunstmuseum. „The Silent Evolution“ umfasst über 400 lebensgrosse Figuren, welche Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen und Berufsgruppen darstellen und neu sogar einen VW Käfer. Die Gesichter der mit Meeresleben getarnten Statuen wirken gespenstisch und anmutig zugleich.

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Nach sieben Reisemonaten in Lateinamerika wird es Zeit für ein erstes Souvenir. Ein handgefertigter glitzernder Totenkopf. Kitsch? Von wegen! Der Schädel ist Sinnbild für Mexikos bekanntesten Brauch, der „Día de los Muertos“ (der Tag der Toten). Der Día de los Muertos ist keine Trauerveranstaltung, sondern ein farbenprächtiges Fest zu Ehren der Toten. Nach altem Volksglauben kehren die Seelen der Verstorbenen nach der Erntezeit zu den Familien zurück, um sie zu besuchen. Schon die Azteken sahen den Tod nicht als Ende, sondern als Anfang neuen Lebens, eine Übergangsphase zu einer anderen Daseinsform.

Der Brauch beschert Mexiko jährlich ein buntes Treiben auf den Strassen. Wohnungen und Friedhöfe werden prachtvoll mit Blumen, Kerzen und bunten Todessymbolen aller Art dekoriert. An den Eingangspforten der Häuser werden Laternen aufgehängt. Die leuchtend orangefarbene „Flor de Muertos“ (Blume der Toten) wird zusammen mit Ringelblumen und gelben Chrysanthemen als Empfangsteppich und Wegweiser für die Verstorbenen vom Haus bis zum Friedhof ausgelegt, damit die etwas verwirrten und orientierungslosen Seelen sicher zum Familienfest finden. Man glaubt, dass die Toten orange und gelb besser erkennen. Klingt einleuchtend.

Ein letzter Blick zurück auf all die fettigen Quesadillas, Tacos, Fajitas und Echiladas. Jetzt heisst es wieder Bauch einziehen. Nos vemos Lateinamerika! Ich bereite mich psychisch auf die 15’000 Fahrkilometer und den halbjährigen Road Trip durch die USA vor. Das Abenteuer beginnt in San Francisco.

Stay tuned, i’ll be right back.

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