Eine Süsswasserlagune mit karibischem Flair und allen erdenklichen Blauvariatonen? Das klingt verlockend! Nach einer bereichernden Zeit in Mexicos indigenem Hotspot Chiapas reise ich zur Laguna Bacalar in der Region Quintana Roo. Je nach Sonneneinstrahlung ändert sich das Gesamtbild, ich staune mir die Augen wund und geniessen einige Mussestunden.

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Nach Wochen heftiger Transpiration habe ich vorerst genug vom mexikanischen Hochofen. Ich verzichte auf die Welt des schweisstreibenden, ja beschwerlichen aufrechten Gangs und schlüpfe in ein Paar Flossen. „Ein wahrlich erfolgreicher Deal“ grinse ich auf dem Weg zurück zu meinem temporären Palast in Mahahaul, dem jungfräulichen Süden von Mexicos gut besuchter Ostküste. Am nächsten Morgen weiss im Tauchzentrum jedoch niemand mehr von mir. Weder der gefeilte Preis, die Flasche Bier bei erfolgreich bestandenem Abschluss, noch der hochgelobte englischsprachige Tauchlehrer warten wie versprochen motiviert auf mich, von Unterlagen in einer Sprache der ich fähig sind, ganz zu schweigen. Mexikanische Manier, eine Prise „mañana será otro día“ gepaart mit einer guten Portion Unzuverlässigkeit. Nicht weiter tragisch, ich plane das schon längst mit ein.

Das Totenkopflogo auf der Visitenkarte meines neuerwählten Tauchzentrums weckt da ganz andere Hoffnungen. Anstatt im Garten Eden mit allen anderen zu aalen und zu flanieren, wälze ich mich also durch den 250 Seiten schweren PADI-Schinken. Ich erfahre, wie es sich mit Licht, Geräusch, Farbe und Druck unter Meereshöhe verhält, lerne die Unterwasssersprache und wieso Zwiebeln essen vor dem Tauchgang keine optimale Kombination ist. Drei Tage später bin ich bereits stolzer Besitzer eines PADI Open-Water-Certificate. Somit ist es mir gegönnt, dass ich zukünftig alle Riffe der Welt bis maximal 18 Meter erkunden dürfen.

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Trotz der paradiesischen Stimmung im Osten herrscht noch lange nicht überall Frieden, Freude, Eicherkuchen. Täglich berichten die Titelseiten lokaler Zeitungen von der Schattenseite Mexikos. Der Drogenkrieg. Seit knapp 10 Jahren hat er über 70’000 Opfer gefordert. Zurzeit stehen ungefähr 50’000 Armeeangehörige und 35’000 Bundespolizisten gegen weltrekord-verdächtige 300’000 Mitglieder der mexikanischen Drogenkartelle und ihre paramilitärischen Einheiten im Einsatz. Da praktisch jeder Polizist käuflich ist, kann kaum von einem absehbaren Ende gesprochen werden. Politiker, die mit der Parole zur Kartellbekämpfung ihr Amt antreten wollen, überleben vielfach nicht länger als ein Kuchen auf einem Kindergeburtstag.

Vor knapp 30 Jahren hat sich das ertragsreiche Handelsgeschäft von Kolumbien nach Mexiko verlagert. Es entstandenen mächtige Mafiastrukturen wie das Golf-, Juárez-, Tijuana- und das unterdessen erfolgreichste, das Sinaloa-Kartell. Auch neuere Banden wie das Beltrán-Leyva-Kartell, La Familia Michoacana und Los Zetas sind in die Kämpfe untereinander oder gegen die mexikanischen Sicherheitskräfte involviert. Der Krieg ist hochaktuell. Transporter mit Schleppern fahren zu den Dörfern und Kleinstädten und rekrutieren die Armen für ein Scharmützel. Einzige Bedingung: eine Schusswaffe soll den Hosenbund zieren. Jedem winkt 5’000 Pesos (um die 750 Dollar). Vielleicht wird überlebt, vielleicht nicht. Da praktisch jeder Mexikaner innerhalb der unteren Mittelschicht lebt, mangelt es kaum an potentiellem Nachschub. Der meistgesuchte Drogenboss und notabene einer der reichsten Männer der Welt war der Mexikaner Joaquin Guzman, der das Sinaloa-Kartell führte. Nach 13 Jahren auf der Flucht musste er sich endgültig geschlagen geben. Im Februar dieses Jahres gelang es den Mexikanern zusammen mit der US-Amerikanischen Abteilung für Drogenfahndung die Verhaftung von „El Chapo“. Danach zeigte er sich unschuldig, er habe lediglich Mais, Hirse und Öldisteln angebaut.

Der Grossteil der heissen Ware kommt aus Südamerika (vor allem aus Kolumbien, Venezuela, Peru und Bolivien) und wird via Guatemala nach Mexico gekarrt. Wie selbst erlebt, gleicht der guatemaltekische Grenzübergang nach Mexico eher einem Ponyhof. Die Polizei- und Militärpräsenz wird aber zunehmen, da sind sich die Leute in Chiapas ziemlich sicher. Der riskanteste Teil der ganzen Logistik ist der Grenzübergang in die USA, dem Hauptabnehmer. Da lässt Kreativität nicht lange auf sich warten. Kilometerlange Tunnelanlagen, die unter der Grenze hindurch führen, wurden bereits entdeckt. Die Kartelle haben mittels ihrer territorialen Herrschaft in einigen Grenzregionen zu den USA das Gewaltmonopol des mexikanischen Staates faktisch ausser Kraft gesetzt.

Kein Wunder also, wollen sich viele Mexikaner im gepriesenen Land der Nachbarn niederlassen und die vorgebliche Golkuh mitmelken. Eine lukrative Alternative zum Leben der „working poor“ und dem Politwesen mit dem Credo „dinero rapido“ (schnelles Geld statt nachhaltige Ressourcen-Sicherung). Darauf folgt die aktuelle Immigrations-Panik in den USA durch die mexikanische Masseneinwanderung. Die Hispanics (alle Einwohner mit hispanoamerikanischer oder spanischer Herkunft) sind die am schnellsten wachsende und die altersmässig jüngste Bevölkerungsgruppe der vereinigten Staaten. Nach Schätzungen werden 2050 fast 25 Prozent der US-Einwohner Hispanics sein. Davon sind zwei Drittel mexikanischer Abstammung. Die „Mexican Americans“ waren ursprünglich in den Bundesstaaten konzentriert, die früher zu Mexiko gehört hatten, vor allem Kalifornien, Arizona, New Mexico, Colorado und Texas, wo sie während des Ersten Weltkriegs Jobs in der Stahlindustrie fanden. In der jüngeren Vergangenheit werden die Immigranten aus Mexiko in der Fleischindustrie im Mittleren Westen, der Landwirtschaft im Südosten der Vereinigten Staaten und im ganzen Land in der Bauwirtschaft, im Landschaftsbau, in Restaurants, Hotels und in anderen Dienstleistungsbetrieben beschäftigt.

Seit die Mexikaner im Jahr 1821 ihre Unabhängigkeit erklärten, haben sie alle Hände voll zu tun, diese auch zu bewahren. Mutig haben sie die Spanier und Franzosen in die Flucht geschlagen und die Geistlichen in die Kirchen gesperrt. Nur der amerikanische Nachbar ist wie eh und je ein Zaungast der mexikanischen Innenpolitik.

Mexiko war einst viel grösser, hundertmal die Fläche der Schweiz. Es erstreckte sich vom Rand Zentralamerikas bis nach Kalifornien, Arizona und Texas. Nach diversen Grenzkriegen diktierten die Amerikaner 1848 einen Friedensvertrag, in dem Mexiko die heutigen Gliedstaaten Texas, New Mexico, Arizona und Kalifornien abtreten musste. Keine drei Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit erlitt Mexiko die „Amputation seiner reichsten Gebiete“. 1854 zwangen die USA seinen Nachbarn nochmals zu einer kleineren Gebietsabtretung. Als sich damalige Präsident Santa Ana nach der Vertragsunterzeichnung über eine Karte mit den alten und neuen Grenzen beugte, hatte er, ohne ein Wort zu sagen, zu weinen begonnen.

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