3,2,1…. Nichts. kein Fegefeuer, kein Kometeneinschlag, ja nicht einmal das Finanzsystem brach zusammen. Gebannt sahen wir Ende 2012 der drohenden Apokalypse entgegen. Der hoch entwickelte Kalender der Maya-Kultur beschwörte unserem Dasein ein frühes Ende. Fanatiker malten sich die wildesten Szenarien aus.

Die mittlerweile weitgehend entzifferte Schrift der Mayas war bis zur Ankunft der Spanier das einzige bekannte voll entwickelte Schriftmedium in Amerika. Erstaunlich, denn jeder dritte Guatamalteke kann weder lesen noch schreiben. 59 Prozent der Guatemalteken sind europäischer oder gemischt europäisch-indigener Abstammung, die Landinos. Weitere 40 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Indigene, meist aus der Völkergruppe der Maya. Der Rest ist vorwiegend asiatischer Abstammung.

Noch im Dunkeln starte ich zu den Ruinen von Tikal, grösste Stadt der Mayas und Kulisse von Starwars IV. Unfassbar, dass die Mayas ihre Tempel einst mit ausgequetschten Beeren bunt angepinselt haben, jede Stufe eine andere Farbe. Es scheint, als ob der Dschungel jederzeit bereit wäre, sein verlorenes Terrain zurückzuerobern. Brüllaffen, originelle Insekten, Taranteln und Tucane begleiten mich auf dem Weg durch den 65 km² grossen Nationalpark. Eine lächerliche Grösse im Vergleich zum ausgedehnten historischen Siedlungsgebiet der Mayas, das ungefähr 350’000 km² umfasste.

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„Ein makelloser Hüftpass zu Ixchel, der gibt per Ellbogen weiter an Hun Batz, welcher den medizinballschweren Kautschuckwickel elegant mit der Schulter in den sechs Meter hohen Steinring bugsiert.“ Das Siegerteam jubelt! Heute landen nicht sie auf dem göttlichen Opferaltar. Das Ballspiel der Maya war weniger eine Sportart, sondern eine religiöse Tradition und Foltermethode von Kriegsgefangenen. Auf grossen Plätzen hetzten die Verhafteten um ihr Leben. Es wird vermutet, dass entweder die Sieger- oder die Verlierermannschaft als menschlicher Knäuel zusammengebunden die 75 Tempelstufen hinuntergetreten wurden. Mehr zum Ballspiel der Mayas?

Hasta luego Guatemala! Ich blase zum Sturm auf das Land der Schnäuzer, Tacos und Tequila. Mexico. Im Morgengrauen verlasse ich die gemütliche Seeninsel Flores, ein letzter Gruss an die biederen Zahnarztpraxen, die mit sichtbarem Erfolg jedem Patienten einen Goldzahn verpassen. Wie so oft in Latinamerika scherbeln mir die Dezibel in den lokalen Busse nur so um die Ohren.

Nächster Stopp auf den Spuren der Mayas – Palenque. Ich tropfe vor Hitze. Die Tempelkomlpexe erinnern an eine mystische wie kriegerische Zeit. Die Herrscher von Tikal, Palenque und Calakmul trugen immer wieder ihre Machtspielchen untereinander aus.

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Blut war das Bindemittel der Maya-Riten. Der Maya-Herrscher sammelte seine Krieger zum Kampf, nicht ohne zuvor den Göttern mit einem grausamen Blutopfer zu schmeicheln. Aus Sicht der Maya war das Blut Sitz der Seele und Lebenskraft. Um an Blut zu kommen, war ihnen kein Preis zu hoch. Der Herrscher höchstpersönlich stach sich mit einem Dorn eines Seeigels in sein majestätisches Gehänge und weihte das herausrinnende Blut den Göttern. Die Gattin des Gepeinigten teilte das Ungemach. Um die Huld der Überirdischen zu erwirken, zog sie sich ein Band mit eingeflochtenen Stacheln durch die Zunge.

In der Religion der Maya waren Menschenopfer durchaus üblich. Die Art der rituellen Hinrichtungen von Gefangenen sowie Erwählten aus den eigenen Reihen reichte von Köpfen, Ertränken, Erhängen, Steinigen, Vergiften, Verstümmeln bis hin zu lebendig Begraben. Der Renner unter den Exekutionsarten war jedoch das Aufschlitzen des Bauches kombiniert mit anschliessendem Herausreissen des pulsierenden Herzens.

War es Dürre, die der zu rasch gewachsenen Hochkultur zum Verhängnis wurde oder die Ivasionen anderer indigener Völker und Europäer oder gar Epidemien? Viele Mythen ranken sich um den Untergang des Maya-Reiches. Heute noch existieren rund 6,1 Millionen Nachfahren der Mayas in Mexiko (auf Yucatán in Chiapas und in Tabasco) sowie in Belize, in Guatemala, in Honduras und in El Salvador. Die meisten von ihnen leben nach wie vor vom Maisanbau. Die heutige Mayareligion ist eine Mischung aus Christentum und den alten Traditionen. Jede indigene Gemeinde hat ihre eigenen religiösen und weltlichen Oberhäupter. Opfergaben von Hühnern, Gewürzen oder Kerzen sind üblich. Die einzelnen Gruppierungen identifizieren sich über besondere Elemente ihrer traditionellen Kleidung.

Nach einem vitalisierenden Halt im wunderschönen aber auch sehr touristischen Aguas Azules wartet San Cristóbal de las Casas im mexikanischen Hochland auf mich. Die Namensergänzung „de las Casas“ kam 1848 hinzu, um Bartolomé de Las Casas zu gedenken, dem berühmten spanischen Dominikanermönch, der als Bischof von Chiapas in der Kolonialzeit für die Rechte der indigenen Bevölkerung eintrat. Internationale Bekanntheit erreichte San Cristóbal durch die Besetztung maskierter Kämpfer im Jahr 1994. Den linken Zapatisten. Sie erklärten der mexikanischen Regierung den Krieg und ihren Willen, bis nach Mexiko-Stadt zu marschieren um dort die Regierung zu stürzen. Allerdings verfehlten sie das Ziel, eine landesweite Revolution loszutreten. Nach einigen Tagen des Kampfes zogen sich die Zapatisten aus den Städten in die schwer zugänglichen Dschungeltäler zurück, in denen die unterstützende indigene Bevölkerung lebt.

San Cristóbal ist hip und boomt, das Nachtleben ist eine Wucht. Die Gaumenfreuden reichen von typisch mexikanischer Küche bis zu indigener Exotik wie Madenteller, Schneckenvariationen und Froschspeisen. Zu meiner Überraschung werde ich im Hostel Akumal mit Appenzeller Käse und St. Galler Gastfreundschaft empfangen. Kein Wunder, dass viele Mexikaner hier bauen wollen. In San Cristóbal herrscht deutlich mehr Sicherheit als in den grösseren Städten der armen Region Chiapas.

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Das Bergland um San Cristóbal wird hauptsächlich von fernen Nachfahren der Mayas bewohnt. Ich besuche San Juan Chamula an einem wunderschönen Sonntag. Die in blumige Tracht gehüllten Bauern laden heute zum Marktspektakel. Ein Mann reibt mit einem Huhn an seiner Frau. Eine göttliche Reinigung. Der Gottesdienst in „Chamula“ wirkt mystisch, Stühle sucht man vergebens, jeder baut liebevoll seine Kerzchen auf zwischen den in der ganzen Kirche verstreuten Fichtenbüscheln.

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