Ich wünsche mir ein Ohrlid, einfach runterlassen und entspannen. Schade, dass uns die Evolution dieses Geschenk verwährt. Gerne erinnere ich mich an die Untergrund-Party in London während ich auf dem Bass der Marke „Punch“ eines maroden US-Schulbusses in Richtung Panama-City vibriere. 25 Cent, Gehörschaden inklusive. Lokale Künstler befreien die unzähligen Busse von ihrem gelbschwarzen Kleid. Für ein kreatives Graffiti wartet ein schönes Entgelt von 800 bis zu 2’500 Dollar. So kommt es, dass die langezogenen Vehikel die einst amerikanische Kinder transportierten neuerdings eher an einen rauchenden Fuhrpark aus Satans Höllenschmiede erinnern.

Wer hat den Grössten? Ich wohne in Marbella, dem von Banktürmen gesäumten Viertel, dass die Skyline von Panama City prägt. Die moderne Grossstadt gilt nicht zu Unrecht als die mittelamerikanische Bastion der Finanzhaie. Emsige Krawattenträger huschen bereits frühmorgens durch die Gassen. Eine Sinnflut aus Reklameschildern und pikfeinen Gastrotempeln wirbt um die Gunst der vielen Yuppies und Grossverdiener. Es gibt sogar ein 3D-Druckladen mit über 20 3D-Druckern mit denen man selbst entworfenen Krimskrams ausdrucken kann. Der amerikanische Einfluss ist unverkennbar. Chandra aus Arizona begleitet mich auf einem Streifzug durch das hippe Nachtleben Panamas.

Ich besuche die steinigen Überbleibsel der ersten spanischen Siedlung auf amerikanischem Boden an der Pazifikküste, Panamá la Vieja. Viel steht nicht mehr nachdem sich die Kanonen der Piraten der Siedlung angenommen haben. Für die Konquistadoren galt dieser Ort lange als wichtiger Handelsplatz für Geschäfte mit dem Inkareich. Zusammen mit Anna aus Polen erkunde ich tags darauf das Herz der Stadt und den Flaschenhals Amerikas.

Happy Birthday lieber Panama-Kanal. Genau 100 Jahre alt wird der Wasserweg kommenden August. Zum Geburtstag wünscht er sich eine grosse Schiebetüre „made in Italy“. Panamas gigantisches Bauprojekt ist gleichzeitig eine der grössten Baustellen auf dem Globus. Sieben Jahre hämmern und schweissen sie schon, die 10’000 Festangestellten und die rund 30’000 weiteren Arbeiter der Kanalfirma mit Untervertrag die kaum erwähnt werden. Das Projekt kostet Panama um die sechs Milliarden US-Dollar und ein schelmisches Lächeln. Denn der jährliche Gebührenertrag liegt bei rund zwei Milliarden US-Dollar. Der Preis der Passage wird nach Art und Grösse des Schiffes berechnet. Nach dem Ausbau können noch grössere Containerschiffe passieren, die sogenannte Post-Panamax-Klasse. Die Reeder sind schon lange daran interessiert, weniger, dafür grössere Schiffe über die Weltmeere zu schicken. Sprich effizienter zu transportieren. Die Panama Canal Authority (die panamaische Kanalgesellschaft) hofft im Gegenzug auf höhere Einnahmen pro Schiff. Die über 80 Kilometer lange Furche verbindet den Pazifischen mit dem Atlantischen Ozean. Die Transportunternehmen sparen sich die Fahrt um das Kap Horn an der Südspitze Lateinamerikas und somit um die 50 bis zu 90 Prozent der Kosten. Lächerliche 100’000 Dollar kostet eine Passage durchschnittlich. Ein ökologischer Wahnsinn?

Panamakanal Ausbau
Panamakanal Ausbau – Direktlink zu Youtube

Die niedrigste Gebühr fiel im Jahre 1928 für den US-Amerikaner Richard Halliburton an, der erste Mensch der den Panama-Kanal durchschwamm. Halliburton wurde nach dem Schiffsmass Tonnage vermessen und eingestuft, erst dann durfte gegen eine Gebühr von 36 Cent den Kanal passieren. Mit den diversen Schleusen wird der Höhenunterschied von 26 Meter überwunden. Um die 15’000 Schiffe durchqueren den Kanal jährlich. Weit über eine Million Frachter und Passagierschiffe haben die Wasserstrasse bereits durchquert.

Nach dem finanziellen Erfolg des 1869 eröffneten Sueskanal in Ägypten rochen die Franzosen mit dem Durchstich in Mittelamerika ein spannendes Geschäft. Der ruhmreiche Graf Ferdinand de Lesseps, der den Sueskanals bauen durfte, wurde schliesslich mit dem Projekt beauftragt. Circa 22’000 tote Arbeiter später wurde der Bau vorerst unterbrochen. Gelbfieber und Malaria dominierten den Alltag in der Sumpflandschaft. Die Finanzenspritzen versiegten. Knapp 40 Jahre später wurde das Projekt an die USA verscherbelt. Bis zu dieser Zeit gehörte Panama noch zu Grosskolumbien. Die USA verlangte dann von Kolumbien die Abtretung des Panamakanalgebiets. Kolumbien weigerte sich, es entstand der Panamakonflikt. Im November 1903 landeten US-Truppen in Panama, besetzten das Gebiet und riefen den unabhängigen Staat Panama aus. Nun mussten nur noch um die 6’000 Arbeiter anhand Unfällen und Krankheiten sterben um das Projekt entgültig zu vollenden. Der Kanal ist seit seiner Übergabe durch die USA an Panama am 31. Dezember 1999 offiziell Eigentum des panamaischen Volkes und wird von der Panama Canal Authority verwaltet und betrieben.

Das dicke Geschäft provoziert diverse Mitstreiter. Nicaragua wird noch 2014 mit dem Bau des 50 Milliarden Dollar teuren „El Gran Canal“ beginnen. Jahrhunderte wurde schon darüber debattiert. Die Idee ist vor allem bei der lokalen Bevölkerung in Nicaragua äusserst umstritten. Nicht die Zwangsumsiedlung stösst sauer auf, sondern der vorgesehene Weg des Kanals durch die Regenwälder und den Nicaragua-See als grösstes Trinkwasserreservoir Mittelamerikas. Noch immer ist unklar, wer genau als ominöser Investor hinter dem Chinesen Wang Jin agiert. Seit anfangs 2011 verhandeln auch Kolumbien und China über den Bau einer Eisenbahnlinie als „trockene Konkurrenz“ zum Panamakanal.

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1 Kommentar

  1. Das ausführlich Video zeigt wie wenig Rücksicht auf Mensch, Tier und Natur genommen wird wenn es um Wirtschaft, Forschung und Kapitalismus geht. Einerseits verstehe ich den Fortschritt anderseits hoffe ich das sich die Natur nicht dafür rächt, den der Mensch ist mit der Forschung so weit aber auch die Natur hat seine Gesetzte.

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