Mulatten, Mestizen, Zambos. Ein Aufeinanderprallen von Europäern, Indigenen und Nachfahren afrikanischer Sklaven. Eine spannende Auslese des Multikulti-Kolumbien findet man im Norden, entlang der Küste. Hier wohnen die lebenslustigen Costeños, die Nachkommen weisser und schwarzer Vorfahren, die Kinder von Europäern und Indios sowie der Spross indigener und afrikanischer Eltern. 85 verschiedene Kulturen verteilen sich auf Kolumbien, 60 Sprachen werden gesprochen.  Viele stille Zeitzeugen wurden im Vielvölkerstaat bereits ausgebuddelt. Bogotas Goldmuseum ist randvoll mit Schnickschnack präkolumbianischer Goldschmiede, das die Spanier mit viel Mühe aus allen möglichen Lagunen und Flüssen angelten. San Augustins alte Steinfratzen locken allerlei Touristen in den Süden. Aber eine verlorene Stadt mitten im Regenwald von Kolumbien? Fast 400 Jahre lag über dieser Stätte der Mantel der Vergessenheit. Teyuna, so der indigene Name, heute bekannt als „Ciudad Perdida“ die verlorene Stadt, wurde erst 1973 von Bauern wiederentdeckt. Kurz darauf brandschatzten Grabplünderer alles was sich zu Geld machen liess. Teyuna gilt als die grösste der insgesamt 250 Tayrona-Städte und versteckt mitten in der Sierra Nevada de Santa Marta. Mittels vier- bis sechstägiger Beinarbeit kann man sich ein Stück Mystik erobern.  Rund 5’000 Abenteurer pro Jahr sehen der Herausforderung ins schwitzende Auge. Mit Jonny, Claire, Cassey, Kathryn, Dominic, Jeeva, Eoin und Nicky mache ich mich auf den Weg, eskortiert vom vitalen Miguel. Einzelgänger werden vom Reservat und den hier priviligerten Kogui, den direkten Nachkommen der Tayronas, nicht toleriert. Die Wanderung führt auf einem gut ausgetretenem Pfad durch das Dickicht aus wilder Vegetation vorbei an natürlichen Swimmingpools. Entgegen meinen Erwartungen wird erstklassig gekocht. Bei jeder Rast werden wir zudem mit frischen Früchten vollgestopft. Reife Mangos schütteln wir gleich direkt vom Baum.  Die Sierra ist auch ein Ort für Tierliebhaber. Baff schaut die Spinne auf Claires Kopfkissen in die kreischende Runde. Die weibliche Partie traut sich kaum mehr in die Federn. Die Schwellung an meinem linken Zeigefinger lässt langsam nach, zwölf Stunden nachdem ich mit der Scherenklaue eines kampfbereiten Flusskrebs gespielt habe. Faustgrosse Krabben schnappen nach meinen Wanderstock, gelbschwarze Giftfrösche beobachten unseren Badespass, Schlangen passieren zischend unseren Pfad. Auch Bären, Gürteltiere und Skorpione vagabundieren hier. Eine persönliche Bekanntschaft bleibt leider aus. Um die 1’200 Stufen führen uns nach zwei Tagen schliesslich zur Ciudad Perdida. Das Volk der Tayronas kam vor 1’700 Jahren aus Mittelamerika und erklärte das fruchtbare Gebiet als ihre neue Heimat. Rund 2’000 Menschen lebten in der verlorenen Stadt, bevor sie von den eingeschleppten Seuchen und rücksichtslosen Bekehrungsversuchen der Spanier besiegt wurden. Die noch nicht vollständig ausgegrabene Stadt zu umlaufen, bedeutet einen Fussmarsch von zwei Tagen. Nicht für die Tayronas. Die Mythologie besagt, dass sie Teleportation beherrschten und per mentaler Konzentration zum Ort nach Wahl reisten. Keine langwierigen und unbequeme Nachtbusse, vorbei die beschwerlichen Wanderungen zu den entlegenen Flecken dieser Erde, nie wieder reihern auf hoher See, der Ärger mit Airlines und deren Wiederverkäufer fällt weg. Stattdessen rechtzeitig zum Sonnenaufgang beim Mount Everest, Machu Picchu nach den regulären Öffnungszeiten besuchen, oder ein Feierabendbier auf Hawaii. Der Gedanke gefällt. Teyuna überrascht mit ihrer komplexen Architektur, dem Kanalisationssystem und ihren Terrassen. Zu den Tanzeinlagen ihres Schamans opferten die Tayronas gerne mal ein junges Mädchen aus den eigenen Reihen. Ihr Gott wollte das so. Einen Friedhof gab es nicht, tote Familienmitglieder wurden unter dem eigenen Haus verbuddelt. Eine Grossfamilie musste also öfters ein neues Haus nebenan bauen. Oben am Platz des Chefs angekommen, fragen mich die stationierten Aufpasser des Kolumbianischen Militärs liebenswürdig nach Tabak und Marihuana. Nicht zur Kontrolle, für den Eigenbedarf.

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Nach den Tayronas wurde auch der Nationalpark nähe Santa Marta benannt, alias die Tropenperle Kolumbiens. Eine malerische Palmenlandschaft, prägnante Steinbälle, schroffe Wellen, jungfräulicher Tourismus. Das spricht sich herum. Einheimische und Globetrotter aus aller Welt finden in San Juan in einem Camp zusammen. Ein gefährlicher Ort, denke ich mir und klopfe eine Kokosnuss auf. Eine fragliche Statistik besagt, dass jährlich 150 Menschen von plötzlich stürzenden Kokosnüssen getötet werden, damit belegt die hinterhältige Frucht Platz sieben der gefährlichsten Killer, knapp hinter den Elefanten, die pro Jahr viermal mehr Leute tottrampeln.

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Vielseitig, fruchtbar und ursprünglich präsentiert sich Kolumbiens Sierra Nevada. Unzählige Tierarten teilen sich die unbefleckte Region, die Kaffee-Qualität aus der Sierra sei unerreichbar und für den Stamm der Kogui gilt sie sogar der Geburtsort der Welt. Bedacht schützen sie ihre Gebiete vor dem Massentourismus. Die nahegelegenen Gipfel warten daher noch geduldig auf eine Erstbesteigung. Ich fahre nach Minca, den Naherholungsort für müde Santa Martaner und ruhesuchende Reisende. Zwei Wanderstunden durch einen märchenhaft duftenden Nebelwald führen zu meiner Unterkunft, dem gelobten Casa Elemento, mitten im Nirgendwo. Weit komme ich nicht, der Aussteiger und Wildniskenner Duncan aus England lädt zur Rast. Er bietet Platz zum Schlafen und Überlebenstraining. Der Ex-Skipper lehrt wie man ein Bambus-Blasrohr und dazu passende Pfeile bastelt, Fallen aufbaut oder ein proteinhaltiges Mahl aus Krabbelgetier zubereitet. Die Adresse merke ich mir. Duncan kennt jedes Blättchen, ordnet ein Rascheln blitzschnell seinem Besitzer zu und deuted die Farbkombinationen hiesiger Schlangen. „Red touches yellow, you’re a dead fellow; Red touches black you’re all right Jack“ . Schlangen reagieren auf Vibration, ihr Innerohr lässt sie den Eindringling bereits frühzeitig erkennen und auf einer Skala von Gefahr bis Beute einordnen. „Uff, das kann ich ja niemals allein essen“, denkt sich das gut versteckte Reptil und schlängelt routiniert davon auf der Suche nach praktischerer Kost. Provokation sei zu vermeiden. Drauftreten ist tabu. Weder wildes Gefuchtel noch pisacken oder gar schlagen mit einem Stock sei angebracht. Ausser man lässt sich auf ein gefährliches Rechenspiel ein; die Schlange kann sich von ihrem Kopf aus gesehen nur um die Hälfte ihrer Körperlänge nach vorne katapultieren. Zufrieden lächelnd denke ich an meine positiv ausgehenden Begegnungen mit kolumbianischen Schlangen zurück.  Duncan malt mir noch eine detailierte Wanderkarte und gibt mir als Geleit den ortsbekannten Tobi mit. Der etwas aufdringliche Vierbeiner knurrt den Weg frei und führt zielstrebig. Andrew, der ehemalige Verkaufsleiter von Niagara Falls Tourismus aus Toronto und seine drei Freunde leiten das Casa Elemento erfolgreich seit drei Jahren. Es warten ein organischer Garten, eigens angebauter Kaffee, Mangos, Avocados, intensiv duftende Blumen als Lockstoff für Kolibris, die inoffiziell grösste Hängematte der Welt, ein Pool mit einer überwältigenden Aussicht bis zum Ozean und bald auch eine Schaukel mit 80 Meter Radius. Ein Spielplatz für Erwachsene.  Mit den Britten Chloé und Tom marschiere ich frühmorgens weiter zum tausend Meter höheren Cerro Cennedy auf fast 2’600 Höhenmeter. Wir passieren dabei drei verschiedene Ökosysteme. Kilometerweit entfernt schreien sich rote Brüllaffen die Seele aus dem Leib. Die Affenart folgt dem Blauwal auf Platz zwei der lautesten Tiere auf dem Globus. Von oben sieht man die karibische See und die eisbedeckten Berge. Einmalig. Aber nicht heute. Der Nebel lullt alles ein. 1:0 für Kolumbien! die stationierten Rekruten, welche die TV-Antennen bewachen auf dem Cerro Kennedy, können sich kaum halten. Die Chancen auf das erste WM-Viertelfinale überhaupt rückt in greifbare Nähe. Die einzig erhoffte Unterkunft ist gut eingezäunt und anscheinend nicht mehr bewohnt. Glücklicherweise bringt mich der gutherzige Fernfahrer Yanover mit seinem Lade-Monster den ganzen Weg zurück nach Minca. Ich schlafe in einem Baumhaus und gönne mir tags darauf etwas Wasserfallstimmung beim Poso Azul.

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