Medellín, die Stadt des ewigen Frühlings. Vor 25 Jahren noch als gewalttätigster Ort auf dem Globus bekannt, hat sich seit einigen Jahren zu Kolumbiens moderner Vorzeigestadt gemausert. Jahrzehntelang hielt Pablo Escobars Medellín-Kartell die Metropole im Griff. 85 Prozent des weltweiten Kokainbedarfs wurde durch Kolumbiens Lieferungen abgedeckt. Vor allem in den USA war die Droge unter fleissigen Geschäftsmännern äusserst gefragt. Das Handelsvolumen des damals jungen Pablo wuchs rasant. Bereits mit 19 Jahren erwirtschaftete er seine erste Million mit dem Export von Koks. Darauf folgte die Expansion. Mittels Zeitungsinseraten wurden Freiwillige mit USA Visa gelockt. Flugticket und Spielgeld werde gesponsort, so die Anzeigen. Die Boten brachten die Ware in Rucksäcken mit doppeltem Boden über die Grenze in die USA und die Dollarscheine auf die gleiche Art wieder zurück nach Kolumbien. Dies fiel unglaublicherweise erst nach zehn Jahren jemandem auf, erst ab dann wurden Detektoren und Spürhunde an Amerikanischen Flughäfen installiert. Pablo hatte neben Flugzeugen auch drei U-Boote im Einsatz. Diese brachten den Stoff bequem von Cartagena mit einem Zwischenstopp in Kuba nach Miami. Fidel Castro war einer der ersten und besten Partner Pablos und auch gern gesehener Gast in Medellín.

Feinde der „Narcos“ gab es haufenweise. Bomben, Raubüberfällen und Entführungen waren keine Seltenheit. Pablos Schwadronen, die „Sicarios“ ermordeten mit Maschinengewehren vom Motorrad aus Gegner und Konkurrenten (vor allem die Mitglieder des Cali-Kartells). Sie kauften Richter, erpressten Politiker und brachten blutigen Terror über das Land. 381 Morde kamen auf 100’000 Einwohner – damit war Medellín Anfang der 90er-Jahre „Mordhauptstadt der Welt“. Der von George Busch erklärte Staatssfeind Nummer Eins spielte sein Spiel gut. 30 Mal entwischte Pablo der Polizei, die Leute in Medellín schützten ihren selbsternannten Robin Hood zu gut. Mit den Drogengeldern finanzierte er Kindergärten, Sportplätze und Krankenhäuser. Eine Mordmaschine mit viel Nächstenliebe. Wenn es darum ging eine Person auszuschalten sprengten Pablos Leute auch gerne mal ein ganzes Passagierflugzeug in die Luft. Zu seinen brutalen Glanzzeiten wurde er von Forbes zum siebtreichsten Mann der Welt erkoren, kurz vor seinem Tod galt er inoffiziell gar als die drittmächtigste Person. Seine Finca „Hacienda Napolés“ war zehn mal so gross wie Monaco und beherbergte über tausend exotische Tiere wie Zebras und Nilpferde.

Der damalige kolumbianische Präsident konnte ihn zwar aufgrund Druck Amerikas dazu ermuntern sich zu stellen und ins Gefängnis zu gehen, aber nur zu Pablos Bedingungen. Pablo liess sich sein eigenes Gefängnis bauen, „la cathedral“. Ein 10-Sterne Hotel mit Bodygards. Er bezahlte die Wärter, spielte darin Fussball gegen bekannte kolumbianische Fussballer, feierte wilde Parties und nutzte den Ort als neue Schaltzentrale. Keiner schaute hin. Der Kolumbianischen Polizei war es nicht erlaubt das Grundstück zu betreten. Als das Militär zusammen mit Leuten der DEA (Der Abteilung für Drogenfahndung der USA) die Festung stürmte, war Pablo bereits weg. Er spazierte zwei Stunden zuvor durch die Vordertür. Dennoch konnte Pablo auf Dauer nicht seinem Schicksal entfliehen und starb 1993 auf der Flucht im Kugelhagel der Polizei. Die USA setzte damals ein Budget von einigen Millionen Dollar für seine Verfolgung ein. Feinste Abhörtechnik wurde dafür eingeflogen, diese wird auch heute noch zur Spionage gegen die FARC im Süden Kolumbiens eingesetzt. Mehr über die Herstellung und den Handel von Kokain?

Der Buchhalter des Kartells, Pablo Escobars Bruder Roberto Escobar, hat nach seinem zwölfjährigen Gefängnisaufenthalt eine nachhaltige Marktlücke entdeckt. Er sagt AIDS den Kampf an. Mit den übriggebliebenen Millionen der Familie (lauernd auf Schweizer Bankkonten) und einem Patent aus Genf (www.wipo.int) unterhält er ein Team anerkannter Mediziner aus aller Welt welche gerade ein Mittel zur Heilung der Krankheit entwickeln. Medellín will auf der PR-Welle mitreiten und unterstützt das Projekt tatkräftig. Der Ruf als moderne Medizinstadt lockt. So schliesst sich der Kreis. Blutiges Drogengeld soll nun helfen um 33 Millionen Leben zu retten. 90 kolumbianische HIV-Infizierte seien bereits geheilt worden mit dem in Trank. Märchen, PR-Gag, Realität?

Goooooooooooooooool, Krächzt der Reporter. Kolumbien gewinnt das erste WM Spiel gegen Griechenland mit 3:0. Die Strassen sind gelb, die Stadt steht Kopf. Der Grossteil der Kolumbianer hat sich bereits ein Fussballtrikot zugelegt. Als ich durch die Strassen schlendere, erinnere ich mich an den Fussballer Andrés Escobar, der damals auch für die Berner Young Boys den Torraum verteidigte. Nach seinem Eigentor beim Spiel gegen den Gastgeber USA an der WM 1994 musste Kolumbien wieder nach Hause fahren. Wenige Tage später wurde Andrés Escobar vor einer Bar in Medellín mit sechs Schüssen niedergestreckt. Der Täter war Bodyguard und Fahrer mächtiger Drogenbosse. Es bleibt mehr oder weniger offen ob er als enttäuschter Fan oder Auftragsmörder einer kolumbianischen Wettspielmafia so übereifrig reagierte. Fussball bewegt Millionen wenn nicht Milliarden von Dollar. Mittels Wetten kann die Mafia sehr einfach ihr Geld reinwaschen, daher wurde Fussball auch vielfach als „Narco-Soccer“ bezeichnet. Die Großbanken profitieren auch von der Geldwäsche der Narco-Dollars, das Grosskapital verdient beim Handel der Vorprodukte für die Kokainherstellung und beim Transport. Es verwundert daher nicht, wenn Oligarchie, Politiker, Polizei und Militärs tief in das Geschäft verstrickt sind. Wie überall in Südamerika lenken eine Hand voll superreiche Familien das Geschehen hinter der Politkulisse. Mir wird erklärt, dass 60 Prozent der Kolumbianischen Politiker keinen Universitätsabschluss haben. Die Staatsmarionetten seien so einfach zu kontrollieren. Eine fragile Demokratie.

Dinge ändern sich. Heute macht sich vor allem Mexico die Hände mit den Drogen schmutzig. Früher noch Überbringer, heute Hersteller. Die Bücher „Killing Pablo“ oder auch „El Chapo“ geben einen guten Überblick des Geschehens. Das Medellín-Kartell und das Cali-Kartell sind verschwunden. Die Bosse sitzen ihre Strafen in den Gefängnissen der USA ab und die kleinen Fische haben sich mehrheitlich gegenseitig umgebracht. Nach hohen Investionen und viel Geduld wurde Medellín vor einem Jahr von City Bank und „Wall Street Journal“ zur „innovativsten Stadt der Welt“ gekürt und übertrumpfte damit die konkurrierenden Finalisten New York und Tel Aviv. Medellín gilt auch als Wiege der bezauberndsten Frauen der Welt und der vielfältigen Möglichkeiten von Schönheits-OPs. Eine Busen-Operation zum 15. Geburtstag? Kein Problem, die Eltern zahlen. „Was heute zählt, ist ein gutes Paar Titten. Egal, ob aus Gummi, Holz oder Stein.“ So muss sich Catalina, die Hauptdarstellerin einer bekannten kolumbianischen Telenovela „Ohne Brüste kein Paradies“, von ihrer Erzfeindin Jessica unverblümt belehren lassen. Die erfolgreiche Seifenoper für Konsumenten mit einem Intelligenzquotient von minus 300 zeigt die arme Jessica, die einen Weg in die Oberschicht sucht. Wie auch in anderen lateinamerikanischen Ländern boomt in Kolumbien die plastische Chirurgie. Im Vorjahr gab es rund 500’000 Eingriffe, die Hälfte davon waren Brustoperationen.

Zur Bildgalerie von Medellín

Nach einer harten Party-Nacht mit einigen Jungs aus Cali und Medellín fahre ich nach Barichara. Keine fiebrig quängelden Motoristen, keine Kleingangster die einem die Golduhr klauen und danach undankbar in den Fuss schiessen. Eine Uhr hat hier sowieso niemand. Das blitzsaubere Städtchen Barichara scheint die Zeit und die Moderne nicht zu interessieren. Ursprünglich, kunterbunt, kauzig, echt. Ein Ort für Gehstock und Hut. Kein Stacheldraht beschützt das Eigentum, die Haustüren stehen offen. Die koloniale Architektur aus dem achtzehnten Jahrhundert verleiht dem Dorf seinen Charme. 1978 zum nationalen Kulturerbe erklärt ist Barichara oft Kulisse für kolumbianische Fernsehproduktionen. Zwei Kolumbianische Ex-Präsidenten haben sich hier zur Ruhe gesetzt. Ich pflücke eine Mango direkt ab Baum, beisse in eine Geissenkeule und geniesse die zeitlose Atmosphäre. Santos gewinnt die Wahl, die Schweiz gegen Ecuador. Was für ein erfolgreicher Tag. Hasta luego Barichara.

Zur Bildgalerie von Barichara

5 Kommentare

  1. Hey Claudio, scho wieder en Bricht, Du bisch jo u fliessig, Medellin isch wieder völlig andersch aber wenns um Fuessball got, verstot sich die ganz Welt, egal weli Nation oder Sproch. Es isch toll das Du Dich so oft meldest und mit Bilder überbringst was Du grad erlebscht und was Du undernimmscht. Isch u lieb und ich gnüsses jedesmol das zläse und die schöne Fotos azluege. Ganz liebe Dank und Grüessli s’mami

    Gefällt mir

  2. hoi Claudio so wie ich lese geht es dir Super bin echt begeistert von deinem medellin Bericht. Warst du auch in seinem selbst erbauten gefängnis ? bis bald mal

    Gefällt mir

    1. Chriiiistoph:-) a di han i öfters denkt do, da i jo vu dir s’buech usgleiht han. s’gfängnis isch nur no e ruine, zu viel lüt hend denkt, dass döt geld versteck isch und hend alles umgrabe;-) jo du, kolumbie isch bis jetzt mis absolute lieblingsland, def. zwenig zit für alles. het bis jetzt überall wölle länger blibe;-)

      Gefällt mir

      1. hoi Claudio
        Das freut mich aber, dass du an mich gedacht hast. Heute wird ja sicher Ausnahmezustand in Kolumbien sein bei diesem super Sieg. Ich freue mich schon auf nächsten spannenden Bericht Gruss Christoph

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s