„Die Bank der FARC“. Berüchtigtes Kokaanbaugebiet und Konfliktzone. Neuerdings ein verschollenes und interessantes Reiseziel. Der Nationalpark Serranía La Macarena im Südosten Kolumbiens hat seit einiger Zeit offiziell seine Pforte geöffnet. Um die 30 Prozent der weltweiten Kokaproduktion stammte aus der Region. Vor ungefähr acht Jahren hat das Militär angefangen die Kokafelder von Flugzeugen aus mit Glyphosat zu besprühen. Vor der sicheren aber umweltgefährdenden Methode wurden die Pflanzen noch von Hand aus dem Boden gerissen. Ein Spiel mit dem Feuer, denn auf dieses rücksichtslose Verhalten verhängten die Guerillas die Todesstrafe. Kolumbiens Regierung hat seit anhin rund 85 Prozent der Kokaplantagen in diese Region vernichtet. Geschätzte 8’000 FARC Mitglieder halten sich noch in den südlichen Gebieten versteckt. Nach wie vor  werden Jugendliche zwangsrekrutiert.

Im Hangar in Villavicencio wird Gepäck und Person gewogen, dabei Kaffee ausgeschenkt. Ich stelle fest, dass ich irgendwo fünf Kilo Eigengewicht verloren habe. Mit einem lottrigem Kleinflugzeug mit Platz für vier Personen fliege ich nach Serranía La Macarena und freue mich auf eine abenteuerliche Zeit im Einklang mit diesem mystischen Ort und auf den schönsten Fluss der Welt, so die motivierende Propaganda.

Vorbei die kitschige Vorfreude. Am Flughafen werde ich von Dauerregen und kolumbianischen Militärs empfangen. Den Hotelnamen solle ich zur meiner eigenen Sicherheit angeben. Auch die verbündeten Gringos der vereinigten Staaten haben hier ein Bataillon stationiert. Ausser mir will momentan niemand anreisen. Logisch, denn der Park öffnet saisonbedingt erst in zwei Wochen. Das birgt eigentlich nur Gutes. Es gibt keine nervigen Touristenströme, ich muss weder Eintritte noch überteuerte Transportmittel zahlen und bekomme den obligaten Führer für mich allein. Und zwar den Mann den sie anrufen wenn sonst niemand kann. Oscar. Gezeugt im Nationalpark, eins mit der Natur. Die FARC hat während einem Aufstand in La Macarena vor acht Jahren seinen Vater und seinen Bruder ermordet. Trotzdem ist er geblieben. Er wird die nächsten Tage mein Mentor und Begleiter sein.

Seine Ideen sich überzeugend. Es gäbe andere Einnahmequellen für die Bauern als den Kokaanbau mit vergleichbarer Rentabilität. Das Gebiet sei ideal für den Anbau von „almendra de marañon“ deren Nuss unsere Kinder zu konzentrierten Intelligenzbestien mutieren lassen und deren Zitrusfrucht sechsmal mehr Vitamin C beinhaltet als Orangen. Lediglich die Kontakte fehlen noch. Das hier jeder Kokapflanzen anbauen will, liegt auf der Hand. Ein Kilo der fast fertigen Ware kann der Bauer für 1’000 Dollar an die FARC verkaufen, 40% davon frisst jedoch der Prozess. Ein Kilo Kakao verkauft ein Campesino für 20 Dollar. Ein Kilo Yuca oder Mais bringt dem Bauern gerade mal 50 Cent auf dem Markt. Die Risikobereitschaft ist entsprechend gross.

Ich verbringe den Abend mit einigen Kolumbianern, die nach La Macarena verfrachtet wurden um die Telekommunikation zu verbessern. „30 Megabyte pro Sekunde für das ganze Dorf sei schon etwas wenig. Das Versenden eines Emails braucht gerne mal eine halbe Stunde.“ Der Staat hat kürzlich das Projekt „ciosco vive digital“ ins Leben gerufen. Die Schulkinder auf dem Land dürsten nach Wissen aus der digitalen Welt, Google und Facebook. Also werden 2014 über 5’500 Internetkioske in öffentlichen Plätzen der ländlichen Gegenden installiert.

Per Motorrad düse ich mit Oscar über marode Feldwege für zwei Tage zum Fluss Caño Cristales. Wie ein flüssiger Regenbogen strömt er durch den Nationalpark. Keine Magie, keine Alchemie. Reine Biologie. Ein Parasit klammert sich an einen Teppich aus Wasserpflanzen (Macarenia clavigeraund) verbindet sich mit der uralten dunklen Steinsformation. Von blassrosa bis blutrot schimmert es durch das Wasser. An den von Blattwerk überdachten Stellen sind die Pflanzen noch grün. Je stärker die Sonneneinstrahlung, desto schneller die Photosynthese, umso intensiver die Farben. Verschiedenfarbige Wasserfälle und kristallklarbunte Flüsse lassen einen schon nachdenklich stimmen. Nur wenige Meter entfernt vom Fluss finden wir einen Unterschlupf bei Doña María um die Nacht zu verbringen.

Der siebzigjährige Bauer Sigñor Manuel lädt mich am nächsten Tag auf seine Finca ein, 30 Motorradminuten ausserhalb. Einfach so. Das Essen spendiert Juan aus dem Dorf, welcher mich sogar persönlich hinfährt.  Eine sagenhafte Gastfreundschaft. Manuel wohnt seit 18 Jahren hier und ist ein grossartiger Erzähler. Er pflanzt Yuca. Die delikate Wurzelknolle, die Weizen und Kartoffel den Kampf ansagt. Inzwischen hat sich das Militär bei Oscar erkundigt, wo denn der Schweizer so steckt.

Zur Bildgalerie von Caño Cristales

Gewinnt Óscar Zuluaga wie erwartet die drohende Stichwahl wird sich einiges ändern. Der Frieden mit der FARC rückt in weite Ferne. Das Land wird mehr militarisiert und die Aussöhnung per Faustrecht erzwungen. Jetzt schon lungern unzählige Soldaten überall, stehen sich die Beine in den Bauch und fressen die Staatsgelder auf (wie erlebt in Bogota oder dem kleinen Salento).

Die vorherrschende Sicherheit geht zu Lasten von Bildung und Soziales. Verschiedenes bleibt ungelöst, wie beispielsweise das brennende Thema von jungen und alleinstehenden Müttern. In Grossstädten wie Bogota haben Jungs und Mädchen ihre ersten sexuellen Beziehungen durchschnittlich ab dem 13. Lebensjahr, so die Statistik. Staatliche Kampagnen werben für Kondome, die an Schulen kostenlos verteilt werden. Beim Abendessen mit einer kolumbianischen Familie wird mir erklärt, es sei völlig normal, dass ein Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren das erste Kind auf die Welt bringt. Meistens verschwindet der Vater kurz nach der erschreckenden Kundgabe. Das ganze wiederholt sich dann beim zweiten Kind, und so weiter. Viele Väter behaupten, sie seien nicht sicher, ob das Kind von ihnen ist. Sie wollen nach der Geburt einen Gentest machen. Wenn es soweit ist, steht dafür kein Geld zur Verfügung. Und der Staat hat andere Probleme, als verantwortungslose Väter zu jagen. Die weiblichen Teenager unterbrechen ihr Studium und versuchen ihr Glück in Begleitung der Kleinen mit dem Strassenverkauf.

Voller intensiven Erinnerungen verlasse ich Kolumbiens südliches Landleben und fahre nach Medellin.

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