Sanft tigert die Schleichkatze durch den dicht bewachsenen Dschungel Indonesiens und forscht nach ihrer Lieblingsmahlzeit. Rohe Kaffeekirschen. Nach dem Verdauungsprozess werden die Fruchtsteine gesammelt und im typischen Prozess von Hand weiterverarbereitet. Bis zu 1’500 Dollar kostet ein Kilo edler Katzenkackkaffee „Kopi Luwak“. Der weltweit teuerste und wohl auch bizarrste Kaffee.

Vor knapp einem Jahrhundert machte Kaffee noch 90 % aller Exporte in Kolumbien aus. Mit dem Boom wurden Verkehrsinfrastruktur und staatliche Institutionen gestärkt. Vor allem die feinen Leute profitierten, was zunehmend zu Spannungen mit der gleichzeitig verarmenden Bevölkerung führte. Heute macht Kaffee gerade mal 15 % aller Exporte aus, dennoch ist Kolumbien weltweit der viertgrösste Produzent hinter Brasilien, Vietnam und Indonesien. Die Steueroase Schweiz handelt indes drei Viertel des gesamten Rohkaffee. Alle Einkaufszentralen wie Volcafé, Starbucks, Nestlé, Sara Lee und Kraft Foods haben ihren Sitz in Helvetia. Die Trader lenken lediglich die globalen Handelsströme aus der Schweiz und profitieren von den tiefen Steuern die ihnen unser Land bietet.

Kolumbiens bekannteste Marke ist Juan Valdez. Dieser Kaffee ist glücklicherweise auch in diversen Supermärkten im Südamerika erhältlich, wo sonst generell nur die abscheulichen Granulate von Nescafé verkauft werden. Die Werbeagentur von Juan Valdez kreierte längst eine Kultfigur, den Mann mit Hut und beladenem Pferd, ein guter Kumpel des Malboro-Mann. Das Logo ziert mittlerweile 170 Verkaufsstellen weltweit, sogar in Kuwait.

Als Kaffeesüchtiger bin ich natürlich interessiert mehr zu erfahren. Mit dem Chinesen Xavier und Roi aus Israel fahre ich zum Kaffeedreieck „la zona cafetera“. Einige tausend Fincas produzieren hier schwarzes Gold. Wir residieren in Salento, Ort der Ruhe und inoffiziell schönstes Dorf Kolumbiens.

Don Elias erklärt uns den Prozess auf seiner Plantage. Seine kleine Finca liefert drei Viertel ihrer Bohnen für die Multis Lavazza und Illy. Angebaut werden die rote Arabico- und die gelbe Colombia Bohne. Die Pflanzen kommen ursprünglich aus Afrika. Beide schmecken gleich, warum dann zwei Arten anbauen? Die beiden mögen einander so sehr, dass sie eine Symbiose bilden. Die genetisch stärkere Columbia schützt die Arabica, welche dann dafür besser wächst. Eine Pflanze überdauert generell stolze 25 Jahre, wird jedoch nach 16 Jahren aufgrund der Qualität ausgetauscht. Orangenbäume schützen die Sträucher von lästigen Insekten während Bananenpflanzen den nötigen Schatten spenden, Kaffeebohnen mögen keine direkte Sonne. Der Kompost der Gewächse wird wiederum für die Erde verwendet, so gelingt die organische Herstellung. Nach Abnahme werden die Steinfrüchte durch eine altdeutsche Walze getrieben. Die geschälten Bohnen gären eine Nacht, dann werden sie am nächsten Tag mit Wasser gewaschen. Bei Don Elia noch alles von Hand. Die Schalen werden unter anderen zur Produktion von Kaffeelikör verwendet. Wird länger fermentiert, erhält der Kaffee einen herberen Essiggeschmack. 25 Tage dürfen es sich die Früchte dann an der Sonne gemütlich machen. Die inneren Schalen werden erneut durch eine Walze entfernt, dann in einem Topf oder in einem italienischen Schleuderofen geröstet, wichtig dabei sind 100-200 Grad und ständige Rotation. Die Bohne wechselt ihre Farbe während dem Röstprozess von grau zu grün zu gelb zu braun. Et voilà! Relaxen die Bohnen länger an der Sonne, wird der Kaffee stärker im Geschmack. Kolumbiens Kaffee hat den PH Wert 7, was ihn zu einer der geschmeidigsten Bohnen der Welt kürt.

Als ich in diversen Cafés und Restaurants in Salento nach gutem Kaffee aus der Region frage, winken sie ab. Die Qualität sei besser im Norden. Da können die geforderten Mengen produziert werden. Ich bin verblüfft und demoralisiert. Sollte man den Besuchern der Kaffeehochburg Salento nicht den regionalen Kaffee ihrer Produzenten bieten? Demonstrativ fordere ich: „Von der Bohne in die Tasse!“ Mit Roi und den beiden Schweizerinnen Gwen und Sarah besuche ich die Kaffee-Rebellen der Finca Lacha Mama. Ein ökologischer Geheimtipp, verborgen mitten in gut behüteter und wilder Natur, zwei Wanderstunden weg von der Zivilisation. In den 80er Jahren war das Grundstück bereits eine Kaffeefarm, dann vielen die Verkaufspreise aufgrund asiatischer Konkurrenz in den Keller. Kühe sollten die Erträge retten. Vor zehn Jahren übernahm Pedro dann den Hof und peppte ihn mit seiner Familie wieder auf. Keine Monokulturen, keine Pestizide. Über 4 Meter hohe, 30 jährige Kaffeebäume stehen hier und werfen je 5 Kilo Kaffee pro Jahr ab. Den Verkaufsladen im Dorf haben sie aufgegeben, ihre Philosophie wurde nicht unterstützt. Zusammen produzieren wir mit museumsreifen Maschinen unseren eigenen Kaffee.

Wir besuchen das grüne Valle de Cocora. Eine urwüchsige Schönheit, wo die Wachspalme, Kolumbiens Nationalbaum, eine schier unfassbare und weltweit einmalige Grösse erreicht. Die Fauna leistet ihren Beitrag in Form farbiger Kolibris, welche graziös die süssen Blüten anfliegen ohne dabei eine Kralle irgendwo abzustellen. Nach dem Genuss einer einheimischen Forelle wollen wir Tejo ausprobieren. Ein geselliges kolumbianisches Spielchen. Das Ziel ist, einen schweren Stein, den Tejo, in einen Lehmhaufen zu schleudern und dabei möglichst die Mitte eines metallenen Rings und/oder ein darauf liegendes Briefchen gefüllt mit Schiesspulver zu treffen. Eine Explosion bringt die meisten Punkte. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen, ich verliere gegen Xavier auf der Zielgeraden.

Zur Bildgalerie von Salento und Valle de Cocora

Sechs Busstunden südlich liegt die Tatacoa-Wüste. Augenblicklich wird es unangenehm heiss und wir tauschen für einige Tage Wollmütze gegen Badehose, Hühnerhaut gegen Sonnenbrand. Eine gute Gelegenheit neben einigen spektakulären Wanderungen unseren Mond, Jupiter, Mars und Saturn aus der Nähe zu betrachten und die Sternwarte zu besuchen.

Zur Bildgalerie von Tatacoa

Mittels Kanu überqueren wir den „Rio Magdalena“. Der aus der Zentralkordillere entspringende Fluss strömt gemächlich durch ganz Kolumbien, rund 80% aller Kolumbianer wohnen in seinem Einzugsgebiet. Ich verabschiede mich in Aipe vorerst von Roi und nehme den Bummelbus via Bogota nach Villavicencio. Ein zugestiegener Medikus erklärt mit Hilfe seines gut veranschaulichten Bilderbuches, wieso sein Ginsengpulver die ultimative Lösung aller bestehender aber auch kommender Krebsprobleme sei. Mir gefallen diese selbsternannten Mediziner, die mit ihrem losen Mundwerk den einfachen Leuten die Moneten aus der Tasche ziehen. Nennen wir es Talent. Stundenlang werde ich von vier vorlauten Jugendlichen mit diversen Fragen gequält. Ob denn bei uns in Europa die Autos bereits automatisch fahren, wie denn unsere Mobiltelefone aussehen, wie Alexander auf Deutsch heisst oder wie viel bei uns eine Nutte kostet.

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