Michael Jackson lebt? Was für eine Show des verkleideten und stark geschminkten Kolumbianers, auch wenn der Moonwalk teilweise harzt. Chocolate, das dunkle Meerschweinchen steht am Start. Es spurtet in Richtung Unterschlupf Nummer 15, ich habe auf 9 gesetzt. Schade. Euphorisch werden Trikots und Weltmeisterschaftspokale aus Plastik gehandelt. Niemand zweifelt hier daran, dass Kolumbien die WM gewinnen wird. Ein Meer aus Strassenkünstlern, skurilen Alles-Händlern und Obstwagen mit undefinierbaren Früchten überfluten meine Reize, während ich verträumt und ziellos durch die treibigen Strassen der Megalopolis schlendere. 8 Millionen Menschen leben in Bogotá, Kolumbiens Hauptstadt (die gesamte Schweiz). Entdeckt wurde Kolumbien 1499 von Alonso de Ojeda und Amerigo Vespucci und nicht, wie zu oft angenommen, von Christoph Kolumbus, obwohl zu dessen Ehren das Land „Kolumbien“ benannt wurde.

Viele sehen Kolumbien immer noch als Truppenübungsplatz für Halunken. Ein trostloses Klischee. Kolumbiens Städte sind sicherer denn eh und je. Die WeltGlücksdatenbank listet Kolumbien auf Rang 12 – Happy Planet Index gibt Kolumbien gar die Bronzemedaille. Nicht zu Unrecht. Alle Leute lachen mich an, sind zugänglich, zuvorkommend und kommunikativ. Sogar die vielen Obdachlosen und Hungrigen betteln lächelnd. 

Ich bleibe einige Tage im Boutique-Hostel Lima Limon im schönen Altstadtviertel Candelaria. Ein farbiges Aufeinanderprallen kolonialer Häuser, zahlreicher Strasencafés, Restaurants mit alternativem Esprit und lokaler Küche sowie mit Trödel vollgestopften Hinterhöfen. Mit dem lebhaften Chinesen Xavier erkunde ich die Stadt. Wer Mühe mit dem Zonenplan der SBB hat, sollte sich mal mit dem hiesigen Bussystem auseinandersetzten. Vom Cerro de Monserrate, dem 3’152 Meter hohen Aussichtspunkt zeigt sich die Grossstadt von ihrer geschmeidigen Seite. Einen Schönheitswettbewerb wird Bogotá trotzdem nicht für sich entscheiden. Wir besuchen das Goldmuseum. Ein Muss. Die Sammlung präkolumbischer Goldobjekte ist weltweit einzigartig und gilt als die grösste ihrer Art. In graziler Detailarbeit wurden in den Andenländern bereits vor 1’500 Jahren Schmuckstücke aus Gold gefertigt. Eine grossartige Symbolik und Mythologie steckt hinter jedem einzelnen Werk. Das Edelmetall zu gewinnen und zu schmelzen war ja schon ein mühsamer Prozess, daraus solch filigrane Statuen, Tierskulpturen, abstrakte Fratzen, Masken, Werkzeug und Schmuck zu formen – eine unbeschreibliche Leistung menschlichen Schaffens. Kein Wunder motivierte die grell glitzernde Handwerkskunst der indianischen Hochkulturen die Spanier nach der Legende „El Dorado“, dem sagenhaften Goldland, zu suchen.

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Heute sind Wahlen. Es geht um die Wurst für den amtierenden Präsidenten Juan Manuel Santos. Er will die Verhandlungen mit der FARC, Kolumbiens linken Guerilleros, zum Ziel führen. Vielleicht kann er so sich in die zweite Amtsperiode retten. Sein Gegner Óscar Zuluaga will den Aussöhnungsprozess mit den Rebellen auf Eis legen und fokussiert andere Zielen. Keiner der beiden Kandidaten erreicht an diesem Tag die absolute Mehrheit, die Stichwahl findet am 19. Juni statt. Nach wie vor wüten die marxisitisch orientierten Rebellen der FARC, die älteste Guerilla-Bewegung auf dem Kontinent. Ein sozialistisches Kolumbien wird gefordert. Zu den wesentlichen Einnahmequellen der FARC gehören Entführung, Erpressung der lokalen Drogenkartelle, Goldabbau sowie die Herstellung und der Schmuggel illegaler Drogen, wie Coca. Zu diesem Zweck haben sich einige Fronten der FARC mit einigen der mächtigsten Drogenkartelle der Umgebung verbündet, wobei sie zugleich gegen andere Kartelle und die kolumbianische Armee militärisch aktiv sind. Kolumbien hat eine schwere und traurige Zeit hinter sich. Allein im 19. Jahrhundert gab es neun heftige Bürgerkriege, zwei Auseinandersetzungen mit Ecuador und dutzende regionale Revolten. Allein „la violencia“ (die Zeit der Gewalt) forderte 200’000 Tote. Das hinterlässt tiefe Spuren. Dazu kommt, dass das Land seit Jahrzehnten mühselig versucht sein Image als Kokain- und Marihuana-Hochburg gepaart mit einem korrupten Staatsapparat zu korrigieren.

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