Ein Mann holt seine bestellte Pizza ab. Auf einem Pferd. Gemütliches Canoa Quebrada, glücklich und konfliktlos. Eine Gruppe Hippies entdeckte das Fischerdorf in den frühen 70er Jahren für den Tourismus. Heute stehen viele Pousadas zum Verkauf, es fehlt an europäischen Urlaubern. Mücken bereiten sich darauf vor die Herrschaft zu übernehmen. Der Kultstatus „Stereotyp-Brasilien“ gehört Jericoacoara, ein Touristenort umgeben von einer reizvollen Dünenlandschaft und Fokus auf kulinarische Vielfalt. Ein Schlaraffenland für Naturkenner, Geniesser und den Posh aus Sao Paulo. Nach drei Tagen Hängematte mit Meerblick will ich die Komfortzone ausweiten und reise auch nach Jeri. Mir wird erzählt, hier spannen sie die Hängematten gleich direkt im Meer. Eine Art Limousinen-Buggy karrt das frohlockende Touristen-Schwadron zum gut behüteten Nationalpark. Abschlepper haschen, grapschen nach jedem der noch kein Bett hat. Strassen? Ein beabsichtigter Mangel. Sand ist Trumpf, einige Verkaufslokale kommen sogar ohne Fussboden aus.

Ich treffe auf die gebürtige Österreicherin Desiree, Lebenskünstlerin und überzeugte Maluca (Verrückte). Beim Kaffee erzählt Sie mir ihre Geschichte. Maluco beschreibt einen Lebensstil nahe der Hippie-Bewegung. Für 25 Dollar muss Desiree pro Tag Kunsthandwerk verkaufen um ihr Überleben zu sichern. Ist ein Tag besonders erfolgreich, wird das Geld gleich wieder auf den Kopf gehauen. Man lädt Freunde ein, kauft Getränke und feiert. Gelebt wird von Tag zu Tag. Viele machen mit dem Artesana gutes Geld, besitzen bereits ein Stück Land und ernähren damit ihre Kinder. Dem Weltbild der Hippies widerspricht diese Art der Vorsorge, erklärt Desiree. Malucos sind eine lebendige und dynamische Kultur, wie Nomaden sind sie immer auf Achse. Sie wechseln ihren Standort nach Lust und Laune, ein Bett finde sich immer. Untereinander herrscht eine grossartige Hilfsbereitschaft, eine Art moralischer Code.

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Wie in vielen südamerikanischen Ländern gibt es auch in Brasilien ein wirres Gesetz. Land darf durch jerdermann besiedelt werden. Wird ein Jahr lang kein Einspruch erhoben, kommt das Bleiberecht zum Zug. Ein interessanter Grundgedanke. Aus ökologischer Sicht fehlt bei diesem Wildwuchs die nachhaltige Bauweise um die Natur entsprechend zu schützen. Dürfte ich wählen, ich würde ein Flecken Land im 1’550 Km2 grossen Nationalpark Lençóis Maranhenses besiedeln. Von Barreirinhas starte ich mit Dai aus Japan und dem Portugiesen David zum vielversprechenden Naturwunder, das sich gerade jetzt, nach der Regenzeit, in seiner ganzen Pracht zeigt. Schon seit Wochen freue ich mich darauf, die Harmonie aus weissem Dünensand, hüfthohen Süsswasser-Lagunen und fahrenden Wolken hautnah zu erleben. Wir besteigen den zur Achterbahn umgebauten Lastwagen. Kaum richtig angekommen, pfeifft unser Guide seine Schäfchen zurück. Die Zeit ist um, keine Zugabe.

Hinterhältig verschmitzt lächelt der betrunkene Reisebüroangestellte als ich am Abend nach einer geeigneten Route durch die Wüste frage. Solo, ohne pfeifende Aufpasser, kein Geniessen auf Kommando. Nach etwas Bedenkzeit erklärt er mir auf portugisisch den Weg anhand einer illustrierten Karte. Konzentration auf 35 Grad nordöstlich quer durch die Wüste bis zum Atlantik, dann bei der Küste rechts. So sollte ich in drei Tagen wieder nahe der Zivilisation sein. Dank dem grossen Angebot an Regenwasser, werde ich kaum verdursten, scherzt er beim Abschied und wünscht mir viel Glück. Dai und David ziehen weiter, ich packe das Notwendigste. Ein Wüstenspaziergang für Einsteiger. Surreal, fremd, einzigartig!

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Verfolgt von aufgebrachten Arctic Terns erreiche ich nach drei Tagen planmässig Atins, ein charmantes Fischerdorf am Atlantik. Ich fühle mich in der Zeit zurückversetzt. Menschen, Esel und Pferde teilen sich die Sandwege, romantisch veranlagte Kühe geniessen zusammen den Sonnenuntergang, Palmen dienen als Telefonmasten. Eine natürliche Rehaklinik für Süchtige sozialer Netzwerke und Flüchtlinge des klassischen 9-5 Arbeitslebens. Behutsam spalte ich meine selbst ergatterte Kokosnuss und nehme langsam Abschied von diesem magischen Ort.

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Ich werde die käsigen Brotbällchen „Pan de Queijo“, den frischen Fisch, Bohemia Bier, die vitalisierenden Caipis, Churasscarias und den brasilianischen Lebensstil vermissen. Von San Luis fliege ich via Manaus und Panama nach Bogota, Kolumbiens Hauptstadt.

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