Ein älterer Herr steigt in den Bus ein und trällert ohrenbeteubend einige Lieder für die aufmerksamen Passagiere. Er verteilt gelassen ein paar Blümchen und steigt wieder aus. Willkommen in Salvador de Bahia, Brasiliens drittgrösster Stadt. Der Staat Bahia ist das afrobrasilianische Juwel des Landes, gut zwei Drittel der drei Millionen Einwohner in Salvador sind Afrobrasilianer. Die portugisische Kolonie in Angola verfrachtete damals massenhaft Sklaven hierhin um den Anbau und Handel mit Rohrzucker zu fördern. Das Handelsgut machte Salvador nach Lissabon zur zweit wichtigste Stadt des portugiesischen Imperiums. Heute ist Salvador eher berüchtigt als Tummelplatz für Schurken die ihre Probleme per Faustrecht lösen.

Mein Ziel ist die farbenprächtige Altstadt Pelourinho. Ein lebendes Museum. Die vielen Kolonialgebäude werden dank der UNESCO liebevoll gepflegt. Eine Fata Morgana? Bald kommt das Gefühl auf in einer Art bewachtem Disneyland zu hausen, das wirkliche Salvador liegt offensichtlich ausserhalb, abgeschlossen von der touristischen Scheinwelt. Aggressivität liegt in der Luft. Felippe, ein hier wohnhafter Italiener erklärt, dass die Polizei vor zwei Wochen 48 Stunden lang streikte – während dieser Zeit starben 39 Leute, keiner traute sich auf die Strassen, Herbergen mutierten zu Gefängnissen. Selten spürt man eine solche Verbundenheit unter der Hostelgästen, wir gehen mehrfach in grösseren Gruppen aus. Salvadors kulturelle und musikalische Seite gefällt. Live-Musik gibt es praktisch jeden Abend, der erste Mai wird jedoch speziell gefeiert mit gratis Samba-, Reagge-, und Hiphop-Konzerten.

Motiviert schlendere ich zum Capoeira Unterricht. Schon die Aufwärm- und Dehnübungen sind schweisstreibend. Auf zur ersten Runde! Salve du ehrwürdiger Capoeira Meister! Eins, zwei, Deckung, Kick. Wer agiert, wer reagiert? Schultern beobachten, Augen und Beinbewegungen fokussieren. Ein geschmeidiges Spiel, solange man den Geübten beim kampftanzen zuschaut. Das Spektakel wird begleitet von den einfachen aber rhythmischen Klängen des Berimbau, ein Instrument bestehend aus einem ausgehöhlten Flaschenkürbis, einem Stein, einem Holzbogen und einer Saite. Schweissgebadet verlasse ich den Zirkel, und buche euphorisch Lektionen für den nächsten Tag. Capoeira entstand ursprünglich in Afrika und beruht auf einem Ritualtanz. In Salvador wurde das Brauchtum über die Jahrzehnte perfektioniert und salonfähig. Die Sklaven nutzten Capoeira als Verteidigung gegen ihre Herren. Da es ihnen jedoch nicht erlaubt war zu kämpfen, wurde Capoeira verboten bis 1947. Im Schutz der umliegenden Wälder trainierten sie heimlich weiter.

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Mit zwei abenteuerlustigen Travelbuddies aus London packe ich den nächsten Roadtrip an. Dank dem Witz von Tess und Fabians Portugiesischkenntnissen im Rücken steigt die Vorfreude auf ein intensives Reiseerlebnis im und um den Nationalpark Chapada Diamantina. Geboten wird eine Variation hinreissender Natursensationen. Vier Tage lang lichtdurchflutete Höhlen auskundschaften, in von Wasserfällen gespeisten Flüssen und Lagunen baden, Täler und Hochebenen inspizieren. Wie aufregend solche Pläne doch sein können nach knapp drei Wochen in Brasiliens Grossstädten. Wildes campieren auf steinigem Grund garniert mit Safranrisotto im nassem Zelt. Dörfer mit fröhlich winkenden Brasilianern. Spontanes Hupen als Begrüssung, Einheimische die nach unseren Namen fragen und uns willkommen heissen. Endlich wieder draussen!

Die noch sehr unerforschten Höhlenkomplexe „Lapa Doce“ sind atemberaubend. Stalaktiten und Stalagmiten finden nach ca. 5-20’000 Jahren zusammen und bilden eine massive Säule aus Mineralien. Ein ermüdendes Schauspiel. Taschenlampe an, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Tropfsteinformationen laden zum Schattenspiel während riesige Fledermäuse die Eindringlinge mustern. Der nahegelegene und kristallklare Fluss Pratinha beherbergt hunderte Fische die genüsslich an unseren dreckigen Füssen knabern. Anderswo wird dafür ja teuer bezahlt. Die Höhlen „Gruta Azul“ und „Poço Azul“ verzaubern uns mit einem Lichtspektakel und zehn Meter tiefem, durchsichtigen Nass. Die flach einfallenden Sonnenstrahlen verwandeln das kleine Höhlenreich zu einer Disco.

Umgeben von einem Termitenkönigreich und nimmermüden Ameisenkolonien schlagen wir unsere Zelte auf und kochen Kaffe mit einer Kaffeesocke. Das gratis Naturtheater verwöhnt uns mir hunderten tanzender Glühwürmchen und Dauerregen zum Dessert. Gourmet-Camping vom feinsten. Am nächsten Tag begrüsst uns eine Giftschlange beim Eingang zum Naturreservat mit einer akrobatischen Meisterleistung. In Brasilien gibt es tatsächlich eine Schlange, die sich von Giftschlangen ernährt. Das kannibalische Biest heisst “Clelia clelia”, ist selbst ungiftig und immun gegen das Gift der eigenen Verwandtschaft. Man munkelt hiesige Waldbewohnern stehen auf ein solches Haustier.

Drei goldbraune Flüsse vereinen sich und fliessen zusammen zum tosenden Wasserfall Buracao. Wir üben uns im Klippenspringen und planschen in seiner barbarisch wellenden Lagune. Weiter oben lädt die Grossmutter des Monsters zur Nackenmassage und abenteuerlichen Sprüngen entlang der sprudelnden Brause ein. Wir mutieren zu Aquaholics. Auf dem Rückweg kaufen wir Cachaça. Direkt ab Hof. Höchst persönlich präsentiert uns der Landwirt sein überschaubares Eigentum und erklärt uns den Prozess zur Herstellung des hochprozentigen Feuerwassers. Die Trendspirituose aus Zuckerrohrsaft ist die Basis des Caipirinha, Brasiliens Nationalgetränk. Aber auch die brasilianische Automobilindustrie interessierte sich für die Destilation von Zuckerrohr und erfand den „Alcool – Motor“. Heute ist Bioethanol in aller Munde, eine umweltschonendere und günstige Alternative zum teuren Benzin. Die hochkultivierte Agrarindustrie sowie die riesige nutzbare Landfläche machen Brasilien zur weltweiten Nummer eins in der Ethanolproduktion und zu einem Vorbild in Sachen Biotreibstoff.

Nur eine Hand voll Abenteurer nehmen den beschwehrlichen Weg zum kürzlich entdeckten Wasserfall Fumacinha auf sich. Verständlich. Wer will schon barfuss durch ein schlangenverseuchtes Revier laufen, den Fluss an über zwölf Stellen ohne Brücken überqueren, ständig über glitschige Steine klettern und von Felskante zu Felskante schwingen. Wir gehen hin! Gewappnet mit einem Führer, seiner Machete und einer groben Vorstellung der Tortur. Der 70 Meter hohe Wasserfall versteckt sich tief in einer Schlucht und ist nur mittels einer zehnstündiger Wanderung erreichbar. Grösstenteils ohne Pfad. Die Flora ist paradiesisch, die Schürfungen zahlreich, die Erinnerung an die Leistung unbezahlbar.

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