Vitalisierende Caipirinhas, bullige Fleischspiesse, donnernde Karnevals und Epizentrum der Fussballverrückten. In knapp einem Monat manifestiert sich der gebalte Sportkapitalismus in der FIFA Fussball Weltmeisterschaft 2014. Grund genug, Brasilien vorher zu bereisen um dem Trubel früh genug wieder zu entfliehen. Die Stimmung soll brasilianisch sein, die Preise moderat. Zu viel habe ich gelesen über Misstände, fruchtlose Bauwut und all die Befriedungsaktionen in den Favelas der Metropolen – alles ganz im Sinne des Vereins. Anstatt Euphorie und Vorfreude dominieren derzeit eher ökonomische Unsicherheit, Demonstrationen, und vor allem, frustrierte Brasilianer. Ein gutes Beispiel für die schlechte Laune ist das Estádio do Maracaña, das zum Fussballtempel umgebaut wurde. Pedro, den ich auf der Strasse treffe meint, „Weisst du, früher nahm mich mein Vater mit zu den Spielen, ein Ticket kostete uns 1.50 Dollar. Wir sind wie alle Fans gestanden, haben gefeiert, geläutert. Heute kostet ein Eintritt 20 Dollar, wir können es uns nicht leisten“. Ab jetzt heisst es Sitzpflicht! Aber das kommt der Mittelschicht ja sowieso recht.

Die Schweiz spielt unter anderem in Nordbrasiliens Amazonasregion gegen Honduras. Als glücklicher Sieger geht heute schon das kleine Manaus vom Platz, denn die Dschungelstadt erhält ein neues Stadion für 42’374 Fussballbegeisterte. Manaus ist aber sehr schwierig erreichbar, zudem verfolgen gerademal 1’000 Amazonier den Viertligisten „Nacionale Futebol Clube“ beim lokalen Gekicke. Es drängen sich automatisch einige Fragen auf. Wirkt dieses Konstrukt wirklich nachhaltig? Und wer profitiert denn schlussendlich von diesen prächtigen Wettkampfstätten, wenn die Einheimischen die Eintrittspreise nicht mehr bezahlen können? Gemäss Forbes taucht da plötzlich ein neues Gesicht weit oben auf der Milliardär-Liste auf, der brasilianische Bauguru César Mata Pires. Der Kontostand des Superreichen entspricht ungefähr dem Budget der Vereinten Nationen für ein Jahr weltweiter Hilfsleistungen. Der Vergleich ist jedoch bereits veraltet, denn er hat kürzlich das meiste Geld an der Börse verspekuliert. Auch gemäss NZZ ein interessantes Thema.

Nach Argentinien, Chile und Ecuador hoffe ich auf einen südamerikanischen Kulturschock und gönne mir eine gute Woche Rio de Janeiro. Weltbekannt für feinsandige Strände, Flipflopkultur, seinen wachenden Jesus und die vielen Favelas. Am Tag nach meiner Ankunft brennt es oberhalb der Copacabana. Ein bekannter Tänzer wird in einem Favela von der Polizei ermordet, ein Junge von ausserhalb lebensgefährlich verletzt. Heftige Krawalle folgten.

Die Favelas organisieren sich selbst und bieten seinen Bewohnern alles was es zum überleben braucht. Ausser ertragsreicher Arbeit und eine behagliche Zukunft. Santa Marta soll als positives Beispiel vorangehen. Befriedet, rausgeputzt, touristisiert und farbig angemalt, präsentiert sich das Viertel. Es gibt einige Kindergärten, zwei Sportplätze, ja sogar eine Sambaschule spendierte die Drogenmafia. Dafür gewährten die hiesigen Einwohner Geleitschutz. Mit Fabian und zwei weiteren Hobbyfussballern fahre ich zum Armenviertel hoch. Dort werde gerade friedlich gegen die Fussballmafia und irrsinnige Stadienbauten protestiert. Mit einem kleinen Turnier. Tickets für die Ligaspiele könne sich in naher Zukunft nur noch die Mittelschicht leisten. Die Leute wollen ihren Fussball wieder zurück. Den wahren Fussball. Zu lange hat Korruption in Brasilien Tradition. Aufgrund der vielfältigen Wettmöglichkeiten wird bestochen und getrickst. Schiedsrichter wie auch Fussballspieler können so ihr Gehalt beträchtlich vermehren. Sehr wenige relevante Persönlichkeiten wie Romario sagen dazu öffentlich ihre Meinung. Achtung mit Demonstrationen während der WM, denn aus Sicht der Regierung wird dies dem Terrorismus gleichgesetzt. Ich treffe auf Michael Luisier, dem vom SRF gesandten Journalisten und werde spontan zum Interview geladen. Mein Begleiter Fabian schiesst ein Tor, ich schlendere durch die äusserst engen Gassen zurück in die Innenstadt. Spike Lee drehte in Santa Marta mit Michael Jackson den Song „they don’t care about us“. Der Titel des langjährigen Chartstürmers beziffert nur zu gut die Situation der Favelabewohner. Jeder vierte Carioca wohnt in den Armenvierteln.

Brasilien erhält den Zuschlag für die Fussball Weltmeisterschaft 2014 und die Olymischen Spiele 2016. Die erste Doppelvergabe überhaupt. Seit dieser Bekanntmachung wird kräftig aufgeräumt. Drogenbanden wurden gewaltsam von der UPP (Einheit der Befriedigungspolizei) verscheucht, einfache Favelabewohner eingeschüchtert. Ich besuche eines der grössten Armenviertel, den Complexo do Alemão, bestehend aus 25 Siedlungen. Vor vier Jahren wurden die Viertel von Polizei und Militär gestürmt. Das rote Kommando „Comando Vermelho“ erwartete sie mit 5’000 kampfbereiten Kriminiellen und einem zerstörerischem Waffenarsenal. Mehrere Wochen herrschte Krieg. Die Macht des Schreckens sei nun eingedämmt, berichtet die Regierung. An die 2’000 Beamte wurden auf den Hügel von Alemão verteilt. Die Angst vor der Rückkehr der Kartelle nach den Olympischen Spielen bleibt.

Ich staune! Der Mindestlohn ist gleich tief wie in Ecuador (350 Dollar pro Monat), aber die Kosten für Gebrauchsgut mindestens dreimal so hoch. Fünf Monatssaläre pro Person zieht der Staat durchschnittlich an Steuern ein. Mit jungen 55 Jahren gehen die Brasilianer offiziell in Rente. Die Jugend ist deprimimiert, denn ein Grossteil des Geldes versickert im Staatsapparat. Das Sozialsystem harzt, es fehlt an guter Bildung aber auch an Entwicklung im Pflegebereich. Dennoch gilt Brasilien als eine der führenden Ökonomien der Zukunft, bedenklich ist nur, dass die Schere hier extrem weit auseinander geht. Je nach Dienstleistung sind die Preise aufgrund der bevorstehenden Ereignisse bereits in horrende Höhen geschnellt. Die Kosten für Bustickets haben kürzlich um 15% zugenommen, zum Frust vieler. Mein Hostel wird den Preis während der WM von 12 Dollar pro Nacht auf über 100 Dollar anheben. Unverschämte 45 Dollar verlangt eine Szenebar für ihren Hamburger. Eine kreative Bewegung konkurrenziert derzeit den Brasilianischen Real mit der eigenen Schmäh-Währung, dem „Surreal“. Die ab Web druckbaren Blüten können dann je nach Bedarf an überteuerte Händler, Hotel- und Restaurantbesitzer ausgehändigt werden. Welch ironischer Schachzug! Nur schlägt der Bauer ja bekanntlich nicht den König. Dem gleichzeitig fokussierten Aufruf zur Selbstversorgung kann ich derzeit noch wiederstehen und freue mich auf mein erstes Churassco. Stundenlanges Fleischessen zum Fixpreis. Haufenweise geschniegelte Kellner mit unzähligen Fleischlanzen schwirren im Minutentakt zu unserem Tisch. Die Penetration feinst grillierter Tierhappen ist so hoch, dass wir kaum ein Zeitfenster finden um das nahegelegene Salatbuffet auszukundschaften. Nach dreieinhalb Stunden geben wir auf. 

Mein Viertel Lapa feiert sein wöchentliches Strassenfest. Eine Caipirinha-Orgie. Jeder mit jedem. Samba trommelt aus allen Ecken, Bars türmen Alkoholflaschen auf. Es gibt so viele Kneipen das es eigentlich Barsilien heissen müsste. Tags darauf lege mich zur Entspannung an die berüchtigte Copacabana. Offenbar ein Mythos. Anstatt der medial häufig gepredigten goldgebraunen Wassernixen, tummeln sich dicken Hintern. Wie schnell sich die Schönheitsideale doch ändern. Brustvergrösserungen verkaufen sich in Brasilien kaum, der Kassenschlager seien derzeit ganz klar Povergrösserungen.

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Ausflug zur Ilha Grande, der kleinen grossen Insel vor Rio. Keine Autos, keine Bankautomaten, kein Gestank. Zwei Tage kristallklares Wasser, Strandleben, Hängematte, geschundene Grossstadtbeine baumeln lassen. Ich erkunde frühmorgens Lopes Mendes. Die Nummer 7 auf der weltweiten Strand-Skala gehört für zwei Stunden mir allein. Ich frage mich wie die Bewertung funktioniert und gehe nach reiflicher Überlegung davon aus, dass ein international erfahrenes Komitee mit einem Pantonefächer bewaffnet die Farbe des Sandes prüft und mittels mikrobiologischer Analyse die Wasserqualität untersucht.

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