Sitz der Götter, heiliger Berg, Regenspender und Garant für Fruchtbarkeit. Der Cotopaxi war schon vor der Inkazeit ein wichtiger Steinhaufen für die einheimischen Völker der Region, auch wenn er sie regelmässig mit Lava bespuckte. Mit seinen 5’897 Meter ist der Cotopaxi Ecuadors zweithöchster Berg und einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde. Der Weltvermesser und geachtete Naturforscher Alexander von Humboldt war vor 2 Jahrhunderten schon scharf darauf den „Hals des Mondes“ zu erklimmen (Für Leute mit viel Fantasie; Aus der richtigen Perspektive gesehen, steht der Mond für kurze Zeit als „Kopf“ direkt über dem Gipfel des Naturventils). Von Humboldt hatte damals zwar Tonnen revolutionärer Vermessungsgeräte dabei, jedoch kein Refugio auf 4’800 Meter um sich entsprechend anzuklimatisieren, somit musste er die Expedition auf dieser Höhe abblasen. Zurück im Jahr 2014. Mitternacht. Es geht los. Mit Taschenlampe, Bergsteigerausrüstung und Eispickel bewaffnet stapfe ich mit meinem Führer José Richtung Gipfel. Seit einigen Monaten ist ein Guide Pflicht, zu viele Leute sind auf dem Weg nach oben spurlos verschwunden. Der Aufstieg ist eine Qual. 9 Stunden dauert der über Schneefelder führende Zickzack-Marsch bis zum Krater. Die Belohnung lässt sich sehen, ich erlebe meine erste Kombination aus Gewitter und Sonnenaufgang oberhalb der Wolkendecke. Was für ein Naturschauspiel, ich bin überwältigt, es fällt schwer nicht der Romantik zu verfallen. Zum Bergsteiger geboren bin ich dennoch nicht, das Wundenlecken wird lange dauern.

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Tief durchatmen. Ich befinde mich wieder auf geselligen 2’850 Meter Höhe. Müllwagen spielen Musik, farbige Blinklichter zieren Autos und Lastwagen, Busse ohne Katalysator qualmen durch die Gassen. Vor knapp 200 Jahren eroberte der bekannte Freiheitskämpfer Simon Bolivar Quito in der entscheidenden Schlacht gegen die Spanier und führte Ecuador einige Jahre später in die Unabhängigkeit. Quito ist schon lange auf dem Weg in die Moderne. Die Stadt wirkt offen, entspannt, persönlich und warmherzig. Niemand zischt oder pfeift einem nach, die Bettler wie auch die Verkäufer sind dezent und unaufdringlich. In den nächsten 3 Jahren erhält die Hauptstadt sogar eine U-Bahn. Gute Idee, aktuelle Zeitungen berichten, dass Quito in 10 Jahren doppelt so viel Einwohner zählen wird. Ich verweile ein wenig im Viertel Mariscal, „the place to be“ wenn man Sportbars, Happy Hours und jugendliche Party-Globetrotter mag. Ich bin gedanklich sowieso bereits woanders und geniesse die Produktevielfalt.

  • Machete – check
  • Moskitoabwehrspray – check
  • Spinnenlexikon – check
  • Piranha-Bratspiess – check
  • Ganzkörpernetz – check
  • Zoomobjektiv – check

Ich fühle mich bereit für mein erstes Dschungelabenteuer in Ecuadors Oriente und mache mich auf nach Cuyabeno, nahe Lago Agrio.

Babyaffen brillieren beim Turnunterricht, Ameisenkolonien schaffen selbstgeschnittenes Blattwek zielstrebig in ihren Bau, zig Tarantelnaugen mustern unsere Unterhaltung beim Abendessen während ein Kayman gekonnt unter unserem Häuschen posiert. Der Boden scheint nicht genug Platz zu haben für so viel Bewuchs. Baumstämme pressen sich dicht aneinander, Pflanzen überdecken andere Pflanzen. Symbiosen sind allgegenwärtig. In dunkelschwarzer Nacht stolpern wir durch den dicht bewachsenen Dschungel. Das Naturtheater beginnt. Spinnenbanden teilen sich ein Festmahl, Schlangen und neonfarbige Würmer kriechen um die Wette, ein Skorpion erklimmt spielerisch einen Baum, riesige Stabheuschrecken spielen als Äste getarnt Verstecken, ein Opossum fürchtet um seine ergatterte Frucht. Jeder hofft, Herr der Nahrungsmittelkette zu werden. Und jeden Tag beginnt das dreiste Spiel von neuem. Einige Tiere gelten als listig und stellen besonders einfallsreiche Fallen, andere verbünden sich mit Pflanzen um das Überleben zu sichern. Jedes Exemplar ein Lebenskünstler. Darwins „Kampf ums Dasein“ bekommt im Dschungel Ecuadors eine andere Bedeutung, die Biodiversität ist weltweit eine der vielfältigsten. Der Rio Agrio und das umliegende Amazonasgebiet von Cuyabeno lockt Abenteurer mit spannender Abwechslung und zeitloser Erholung. Kein Natelempfang, kein Internet, keine Uhren. Pure, ursprüngliche Natur. Tierstimmen begleiten die Einschlafphase, Licht hilft beim Aufstehen.

Am nächsten Tag erforschen wir die Flora des prächtigen Regenwalds. Das natureigene Recycling-Programm funktioniert noch einwandfrei. Unzählige Baumarten kämpfen um Licht, jeder will wachsen. Ein paar schaffen es allein, andere per Anhalter. Wer fällt, hilft seinen Nachbarn zu gedeihen. Termiten erledigen den Rest. Wir entdecken Leopardspuren, bestaunen farbige Giftfrösche und üben uns in Ornothologie skuriler Vogelarten. Ich sehe das erste mal einen Mahagonibaum, der Diamant unter den Naturhölzern. Erst nach 1’000 Jahren gilt der Baum als ausgewachsen und genug hart für die Verarbeitung im Luxusbereich. Wer ein solches Prachtstück kaufen will, muss mittlerweile tief in die Taschen greifen, der Marktpreis liegt ca. bei 1’500 Dollar (80 mm, 2,5 Kubikmeter). Ich kaue ein Stück Holz des Chinarindenbaum (Chinin), dass auch dem Gin-Tonic seinen eigenartigen hölzernen Geschmack verleiht. Als Erfinder des In-Getränks gelten die Engländer. Diese schützten sich während der Kolonialzeit in Indien mit dem chininhaltigen Tonic Water gegen Malaria. Das damalige Indian Tonic Water war sehr bitter, daher mischte man dem Getränk Gin bei, um den Geschmack zu verbessern. Et voilà – Gin Tonic.

Die Bäume des Regenwalds sind seit Jahrhunderten die Basis für Drogen, Waffen, Essen, Gifte und natürlich Medizin. Schamanen nutzen die Extrakte um mit der Natur eins zu werden. Indianer pusten giftgetränkte Pfeile durch hölzerne Rohre um zu jagen und zu töten, Aloe Vera hilft uns bei Wundheilung und Pflege, Palmöl bestimmt eine Vielzahl unserer Nahrungsmittel. Der Grossteil der Möglichkeiten für medizinische Anwendungen gilt nachwievor als unerforscht. Während wir mehrfach von Dschungelbienen gebissen werden, erfahren wir mehr über Curare, ein Baum dessen Extrakt als Nervengift verwendet werden kann und 300 mal stärker wirkt als Morphium. Das GPS meldet freudig, dass wir entlang dem Äquator wandern. Wir paddeln zurück zur Lodge und kreuzen dabei ein Rudel scheue rosa Delphine. Hängematten-Zeit. Es bleiben noch einige Stunden um in der schwarzbraunen kaymanverseuchten Lagune zu plantschen bevor wir den Sonnenuntergang am Rio Agrio auf uns einwirken lassen.

Amazonas, Quelle des Lebens. Der weltweit längste Fluss entspringt grösstenteils aus der ecuadorischen Andenregion. Knapp die Hälfte Südamerikas gilt als Amazonasgebiet. Vor über 300 Jahren drangen die Konquistadoren von der ecuadorianischen Küste über die Andenkette in das schwierig erreichbare Herz des Kontinents vor. Ein märchenhaftes Ziel motivierte sie. Das „El Dorado“. Der absurde Tipp kam von den tiefgläubigen Inkas, denn ihr Sonnengott steht im Westen frühmorgens auf und legt sich gegen Abend im Osten in einer prächtigen Stadt aus Gold schlafen. Wow, dachten die gierigen Spanier, nichts wie hin. Die Entäuschung war gross als sie antstatt Gold, Giftpfeil schiessende Wilde in knapper Bekleidung antrafen. Der Tourismus entwickelte sich proportional zu der noch jungen Ölindustrie. Um das geförderte schwarze Gold schneller zu transportieren, wurden Strassen gebaut, Städte schossen aus dem Boden. Einheimische begannen Dschungeltiere fürs Zuhause feilzubieten, Krokodilhaut, gebratene Affen, lebende oder tote Amazonasprodukte florierten. Besucher durften mitten im Regenwald in Zelten hausen. Die Regeln haben sich geändert. Ohne Tour, Guides und Lodges ist es schwierig den Dschungel zu besuchen, zu restrektiv sind die Auflagen. Wir besuchen ein Dorf Einheimischer und backen ein Brot aus einer Art Kartoffel, genannt Yuta. Der Gemüseart wird ein weltweiter Erfolg vorausgesagt. Glutenfrei und vielseitig verwendbar als Mehlersatz. Hoffen wir mal, dass unsere Nahrungsmittelindustrie dies nicht zu schnell versaut. Der bunt geschmückte Schamane erklärt uns einige Rituale. Es gebe nur noch sehr wenige wie ihn. Jeder studierende Schamane muss durch eine schweisstreibende mentale Prüfung. Ayahoasca nennen sie die Linianenart, die einem während mehreren Tagen alle Flüssigkeit durch die Körperöffnungen schiessen lässt. Ist dies überstanden, setzen die Halluzinationen ein und eröffnen dem Reisenden neue Sinneswelten. Der Naturarzt erklärt, dass nach mehrfacher Einnahme der Dschungeldroge die Sinne so sehr geschärft sind, dass man jemandes Karma erkennen kann und sogar Zukunftsvorhersagen möglich sind.

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Der Gebietskonflikt mit Peru über weite Teile des Amazonasgebietes und eine schwere Wirtschaftskrise mündete 2000 in der Einführung des US-Dollar als Landeswährung. Yasuni, der südlich gelegene Nationalpark, seit 1989 UNESCO Biosphärenreservat und lange Schauplatz einer brutalen Rivalität zwischen Peru und Ecuador, ist aktuell wieder Mittelpunkt diverser politischer Interessen und lokaler Diskussionen. Man vermutet 920 Millionen Barrel Öl in diesem Reservat (ein Fünftel der Rohölreserven des Landes). Präsident Correa gab die Schutzzone führ Bohrungen frei, ohne Widerrede. Wie kontrovers, denn die vielen dort ansässigen indigenen Stämme sind nicht gerade Fan von der Idee, der Dachverband rebelliert und kritisiert. Die Mehrheit der Ecuadorianer steht hinter ihrem Staatsoberhaupt, denn mit 80% der Gelder werden Sozialmassnahmen, Bildungswesen und Infrastruktur (Strassen usw.) finanziert. Derzeit läuft eine Art Referendum, vielleicht reissen die Gegner das Steuer noch herum. Obwohl Ecuador alleine nicht die finanzielle Macht hat das Erdöl dem Boden zu entreissen, erhalten die ausländischen Förderunternehmen lediglich 20% der Erträge, früher war es genau umgekehrt.

Die einheimischen Insekten interessieren sich wenig für unsere pharmazeutische Abwehr. 187 mal wurde ich von irgendwas gestochen oder gebissen. Nach 5 Tagen Dschungel und spannenden Erkenntnissen freue ich mich auf die Zivilisation, und noch mehr auf Gaby.

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