Grosseltern werden durch die engen Gassen gerollt, Hunde und Katzen unter den Arm genommen, Decken eingepackt. Es rüttelt sanft, kaum spürbar. Die Tsunami-Warnung folgt nur wenige Minuten später über plärrende Lautsprecher. Stufe 7.2 krächzt ein Journalist aus dem Transistorradio. Ab Stufe 8 wird es kritsch. Eine gemütliche Evakuation, kein Chaos, jeder weiss wohin. Bereits nach einer Stunde kehren die Menschen zurück in ihren Alltag, das Meer schimmert unschuldig. Mein erstes Erdbeben.

[Nachtrag: Anfang April ist Iquique wieder Schauplatz eines Erdbebens. Dieses mal ist die Situation jedoch ernster – Stufe 8.4. – Das Beben zerstört Teile des Hafens, Strassen, und diverse Häuser. Sogar Tote sind zu beklagen.]

Ich verlasse Chiles Iquique und fliege über Peru nach Ecuador. Lima versteckt sich im Smog, es gibt Dinge die ändern sich nie. Nach rund 30 Stunden Reisezeit und einer gemütlichen Übernachtung in Limas Flughafen lande in Guayaquil, Ecuadors grösste Stadt, dubioses Moloch und Schwarzmarkt-Dorado, ein ganzes Polizei-Korps bewacht den Busbahnhof. Ein anderes Südamerika, das wahre Südamerika.

Bienvenido à Ecuador, willkommen am Äquator, hier trifft die südliche auf die nördliche Hemisphäre. Jeder dritte Einwohner ist indigen. 42% sind Mestizen, also Nachfahren von Weissen und indigenen Völkern. 13 verschiedene Sprachen blieben bis heute erhalten. Seit 1998 hat sich die Rechtsgrundlage für die Indigenen maßgeblich geändert, denn mit der Verabschiedung der neuen Verfassung erhielten sie rechtlichen Schutz und Anerkennung.

Präsident Rafael Correa leitet das Land in der dritten Amtszeit. Ein Wirtschaftsguru, ein Sozialist, ein Linker. Aus seiner Sicht sogar der Vorkämpfer für eine südamerikanische Nation. Der 50-jährige Ecuadorianer ist der einzige linke Politiker auf dem Subkontinent, der an das Charisma seines kürzlich verstorbenen venezualischen Kollegen Hugo Chávez erinnert. Stolz, geradlinig, ohne Schnörkel. Correa predigt öffentlich die Meinungsfreiheit und bot Mitte 2013 Geheimdienst-Informant und Whistleblower Edward Snowden Asyl an. Wikileaks-Gründer Julian Assage weilt heute noch in der ecuadorianischen Botschaft in London während die USA stinksauer auf das kleine Ecuador und seinen Präsidenten schaut – Klasse, wenn man im kleinen Stil etwas am Rad der Weltgeschichte mitdrehen kann.

Meine Kleider kleben, Die Luft ist beinahe trinkbar. Der Bus schlängelt sich durch südliches Feuchtgebiet, vorbei an Schlingpflanzen, Farn und Bananenstauden. Agrarflächen werden steil in Hang gebaut. Ich freue mich auf Cuenca, das Athen Ecuadors. Die Schöne beheimatet diverse alte Kathedralen, eine charmante Altstadt und unzählige Restaurants. Cuenca ist in den letzten Jahren so rasant gewachsen, dass niemand die Einwohnerzahl kennt, diese schwankt je nach Erzähler zwischen 200’000 und 800’000. Das südlich gelegene Vilcabamba „das Tal der Hundertjährigen“ lasse ich hingegen aus. Ein ungelüftetes Geheimnis umgibt diesen Ort. Die Senioren verzichten auf keinerlei Vergnügen – sie rauchen, trinken, nehmen Drogen und erfreuen sich auch jenseits der Hundert noch eines vitalen Sexuallebens. Es fehlt jedoch an Hektik, es gibt weder Motorengeräusche noch eine Lebensmittelindustrie. Selbst angebaute Naturprodukten trumpfen, und niemand jagt hier dem Geld hinterher. Mehr Infos?

Der weitläufige Nationalpark Cajas sei bezaubernd, falls man einen der wenigen nebelfreien Tage erwischt. Ich fahre hin. Versunken im dichtem Nebelmeer bleibe ich zum Kaffekränzchen mit den Parkwächtern und treffe auf die ebenso glücklosen Argentinier Gabriel und Paula, mit denen ich weiter zur Ruinenstadt Ingapirca reise. Die Machu Picchu Miniatur wurde vom Volk der Camari mit Hilfe der Inca-Architekur entworfen. Ich amüsiere mich vor allem ab dem steinigen Mondkalender, der noch 13 Monate zählt. Die Konquistadoren strichen dann kaltherzig einen Monat. Ein Monat mehr im Jahr wäre doch gar nicht so übel. Ein Musse-Monat, ein Monat der Feste oder ein Sünde-Monat.

Zur Bildgalerie von Ingapirca

Wir gondeln weiter. Auf halber Strecke entscheidet der Busfahrer in der dreckigsten Stadt Ecuadors anzuhalten um Essen zu gehen. Ein Deal mit der hiesigen Gemeinde? Ich staune. Zurück im Bus quält der Chauffeur die Reisenden mit Hollywood Action Filmen in donnernder Lautstärke, ich schreie meine Sitznachbarin an, als hätten wir eine Unterhaltung in der ersten Reihe eines Metallica-Konzerts. Blut spritz, Köpfe rollen, die Protagonisten morden um die Wette. Ich flehe um etwas Ruhe und werde ignoriert. Die Vorfreude auf Baños steigt, der Hotspot für allerlei Outdooraktivitäten. Per Bike erkunden wir die hügelige Umgebung. Gegen den Abend darf ich auf der Lade eines Pickups tausend Höhenmeter mitfahren und rase danach in der Dunkelheit mit einem geselligen Kolumbianer die nassen Strassen von Hunden verfolgt wieder herunter. Was für ein Spass.

Zur Bildgalerie von Baños

„Liebe Pachamama, bitte lasse unsere Früchte gedeihen und auch das Gemüse reifen. Falls du noch Zeit hast, unser Getreide braucht mehr Wasser.“ Die von den Andenvölkern verehrte Göttin der Erde soll es regeln. Mein Dank an dieser Stelle geht vor allem an die gestampften und fritierten Kochbananen, die frischen Litschi, süsse Granatäpfel, Sternfrüchte so gross wie Fussbälle und all die anderen tollen Gewächse, die Ecuador zu bieten hat. Dem vielerorts umschwärmten Sonnengott hingegen huldige ich nicht, es regnet jetzt schon 6 Tage am Stück. Wolken hängen tief, greifbar nah. Einige Biere könnten die triste Situation jetzt sanieren, aber am Sonntag haben die Ecuadorianer alkoholfrei, der Verkauf ist gesetzlich verboten.

Die Pläne von Paula und Gabriel weichen ab, so ziehe ich allein weiter zum Vulkankrater neben dem niedlichen Andendorf Quilotoa. Ich umrunde den Kratersee mit meinem neuen vierbeinigen Freund. Was für ein herrlicher Anblick. Eine Konversation mit den Einheimischen ist umständlich, hier reden sie noch Quechua. Zum Abendessen wird Popcorn-Suppe serviert.

Zur Bildgalerie von Quilotoa

Glaubt man der Nationalbank Ecuadors sind lediglich 5-8 % arbeitslos. Die Hälfte aller Arbeitenden sind unterbeschäftigt, die ander Hälfte im „informellen Sektor“ tätig, also als fliegende Händler, Schuhputzer, Hauspersonal oder in der Landwirtschaft. Bezahlt wurde bis vor wenigen Jahren in Cash. Keine Steuergelder, keine Sozialversicherung. Dank Correa sind die Mindestlöhne innert 10 Jahren auf das Doppelte (2014 ca. 350 Dollar) angestiegen, Steuern werden eingetrieben, Versicherungen eingebunden. Der Grad der Privatisierungen wird klein gehalten und die Saläre Staatsangestellter angehoben. Fazit – die Wirtschaft wächst seit 5 Jahren ununterbrochen und stark.

Mein nächstes Ziel ist Machachi, hier bereite ich mich psychisch und physisch auf die Besteigung des Vulkan-Matadors Cotopaxi vor.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s