Werbeplakate offerieren Spezialrabatte für die neuesten Automodelle – mitten in der Wüste. Wird es der Kapitalismus je schaffen ein paar Meter Welt in Ruhe zu lassen? Von staubigen Dünen umzingelt tuckern wir in das Hochland-Disneyland San Pedro, die Brücke zur absoluten Trockenheit und Ausgangsort diverser Naturschönheiten. San Pedro gefällt. Klein, fein, anders. Der Sportladen verkauft Tabak, Indigene bieten desinteressiert Kluft in allen Farben an, unzählige Reisebüros grabschen nach jedem, der noch keine Tour gebucht hat. Wir erkunden die Umgebung kosteneffizient per Bike und erfahren hautnah, dass Velofahren im Sand unglaublich anstrengend ist. Im gemütlichen Hostel Aji Verde ruhen wir unsere geschundenen Gesässe aus. Am Lagerfeuer taumeln die Gespräche hinein bis in die Morgenstunden. Die Laguna Cejar nähe einem grossen Salzsee lädt zum treiben ein, der hohe Salzanteil hält den Körper über Wasser und tarnt ihn gleich danach als Salzstange. Ein unvergleichbares Gefühl.

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Ein Katzensprung von San Pedro entfernt liegt die riesige Salzwüste Salar Uyuni in Bolivien – ich schwelge in Erinnerungen und freue mich gleichzeitig, dass wir die einzigen Reisenden mit anderen, ja sogar spannenderen Plänen sind. Mit Dave ziehe ich weiter nach Arica, wir wollen den selten besuchten Norden Chiles auf eigene Faust erforschen. Wir treffen auf die Französin Célia und Philipp aus Deutschland, beide sind sofort Feuer und Flamme für unseren Plan. Wir nehmen den Road Trip zu viert in Angriff. Wieder Auto mieten, Schlafsack anschaffen, Wocheneinkauf.

Lauca, der nördlichste Nationalpark in Chile mit seinen perfekt geformten Zwillingsvulkanen Parinacota und Pomerape ist unser erster Boxenstopp. Auf einsamen Pfaden stiefeln wir durch das Seeufer am Fusse des ehemaligen Feuerspeiers. Enten lachen. Wir schauen nach Meteoriten, welche hier zahlreich herumliegen. Das Magnetfeld in dieser Gegend ist besonders stark.

Chaotischerweise haben wir kein Bargeld dabei. Es erweist sich als nahezu frevelhafter Wunsch in der Kleinstadt Putre Geld abheben zu wollen. Alle möglichen Bank- oder Kreditkarten scheitern und somit haben wir weder Geld für brachiale Unterkünfte noch für Benzin. Unsere temporären Finanzprobleme zwingen uns dazu ein Haus zu besetzen. Der Kalender von 2007 gibt einen Hinweis darauf, dass uns der Besitzer wohl nicht in dieser Nacht überraschen wird. Wir geniessen den Sonnenuntergang am Lago Chungara direkt vor dem Häuptling aller Vulkane.

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Im anliegenden Vicuña Reservat werden wir von unzähligen Vikunjas, Lamaströmen, einem röchelnden Vulkan und weissgrünen Bergketten empfangen. Flüsse werden durchquert, Fontänen spritzen. Unser Ziel ist der mystische Salzsee „Salar de Surire“ nahe der bolivianischen Grenze. Dank unserer Geldmisere erlaubt uns der zuständige Conaf-Parkwächter das einzige Refugio in 200 Kilometer Umkreis für einen Almosen zu benutzen. Wir bestaunen das farbenprächtigen Postkarten-Panorama. Hier leben diverse Flamingoarten welche abends in Formation über unsere Köpfe hinwegziehen. Am nächsten Tag geniessen wir einige Mussestunden in der Naturtherme. Das schwefelhaltige Spa beschenkt uns mit 40 Grad heissem Wasser. Knietief schleichen wir durch den feinen Matsch und gönnen uns eine kostenlose Schlammpackung. Draussen lauert bereits die Nacht. Wir erobern erneut ein kleine verlassene Häusergruppe (ohne Dach) auf 4’800 Meter. Alles gefriert, Eis ziert am nächsten Morgen Daves Dredlocks.

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2009 wurde eine blutrote Lagune nähe Camiña entdeckt. Die nahegelegene Goldmine ist für die Farbe verantwortlich. Ideen trudeln, Einfälle, Pläne. Zum Glück erzählt uns ein ein Touristenkutscher, dass es ziehmlich ungeschickt sei direkt über die maroden Strassen nach Camiña zu fahren. Keine Strassenschilder, viele Irrwege, keine Menschen, keine Tankstellen, ja wahrscheinlich auch keine Bankomaten. Es seien schon Möchtegern-Abenteurer wie wir in dieser Wüste gestorben, die mit dem selben Plan aufgebrochen sind. Der Parkwächter hingegen zeigte einfach Richtung Westen.

Wir entscheiden uns für den sichereren Weg und fahren zur Küstenstadt Iquique um von dort aus zu agieren. Die Polizei in Camiña schenkt uns eine selbstgemalte Karte und leiht uns eine Schaufel, der Weg sei beschwerlich, ein 4×4 Bedingung. Die Info ist gut aber untertrieben. Wir steuern mit unserem 2×4 Vehikel Richtung Laguna Roja und scheitern kläglich. Wir verfahren uns pausenlos. Wilde Esel schauen verdutzt. Kurz vor dem Ziel nehmen wir die Schaufel zur Hand und graben damit unser Auto aus dem Sand frei. Auf steinigen und zerfurchten Feldstrassen schaukeln wir zurück. Man stelle sich eine Fahrt in einer Karre mit vier dreieckigen Räder vor. Adrenalin schiesst in unsere Körper, wir leben.

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Meine Travelbuddies ziehen weiter nach Bolivien. Ich freue mich hingegen auf kulinarische Köstlichkeiten, Flipflop-Wetter und einen hübschen Strand. Charles Darwin beschrieb Iquique nach seinem Besuch als trostloses, heruntergekommenes Kaff. Auch eine Koryphäe der Naturwissenschaft irrt. Iquique hat Stil! Vor 130 Jahren gehörte der nördliche Zipfel Chiles, inklusive meinem aktuellen Ort der Schonzeit, noch zu Peru. Das südlichere Gebiet zu Bolivien. Es ging um Salpeter (der Grundstoff für Dünger und Sprengstoff). Die hinterlistigen Peruaner hatten sich vor Beginn des fünfjährigen Salpeterkriegs in einem geheimen Vertrag mit Bolivien gegen Chile verbündet. In der finalen Seeschlacht gewann Chile, stellte neue Regeln und krallte sich das ganze Gebiet. Peru blieb auf seinem bereits gesammelten Guano hocken. Wer will schon Seevögel-Mist kaufen, wenn es günstigen Salpeter gibt. Bis vor 60 Jahren wurde  das nahegelegene Humberstone zur Gewinnung des Nitrats genutzt. 3’500 Menschen lebten und arbeiteten in diesem Ort. Heute ist es eine Geisterstadt. Verlassen, öde, verwaist. Und genau darum ein Besuch wert.

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Nach 8 Wochen gehört mein Reiseherz ganz und gar Chile. Ich lege diese Beziehung nun vorerst auf Eis, schlemme ein letztes Cevice und ziehe weiter nach Ecuador. Viva!

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