Ich erinnere mich an die immer schneller werdende Tetris-Musik und lächle. Erstaunlich wie viele Menschen, Kartoffelsäcke und riesige Wassermelonen in so einen kleinen Bus passen. Kaum sind alle drin (mindestens die Hälfte steht), verwandelt sich das lottrige Vehikel in einen fahrenden Markt. Zeitungen, Popcorn, Knoblauchstangen, Tomaten, Eiscreme und getrocknete Algen wechseln die Besitzer. Ein Tag später stürmt sogar eine Horde uniformierter Bäckerinnen mit Muschel-Sandwiches den Bus. Gefüllt werden die Brote gleich vor Ort. Wer will schon hungrig drei Stunden Bus fahren. Die Marketingabteilung der chilenischen Naschindustrie scheint sehr erfolgreich zu sein. Viele einheimische Leiber sind üppig. Vor allem Frauen und Kinder erliegen der grosszügigen Verfügbarkeit von Süssem. Selten sehe ich ein kleines Indiokind oder dessen Mutter ohne Eis- und/oder Chips-Packung. Viele Gerichte werden frittiert. Ich frage mich ob es hier eine Art Raclette oder Fondue Chinoise gibt, wo jeder in geselliger Runde sein Essen in Mini-Friteusen selbst fritieren kann.

Es gibt auch gute Nachrichten aus der Region. Gemäss dem Lokalblatt von Temuco wird nach einer Alternativlösung für Plastiktaschen gesucht. Eine brilliante Idee. Kürzlich ertappte ich die Kassiererin im Supermarkt als sie meinen Kaugummi in eine Plastiktasche verpacken wollte. „Proteger el medioambiente“ – in weiter Ferne. Die Mode der ländlichen Gegend wird zunehmend frecher. Angesagt sind farbige Klamotten, leuchtende Schuhe mit Klettverschlüssen kombiniert mit einem Hulk- oder Spiderman-Rucksack. Eine Toilettenpapierrolle rundet das Innenleben der typischen Damenhandtasche ab.

Vom chilenischen Hinterland reise ich via Zwischenstopps in Temuco und Puerto Saavedre nach Tirua. Der Strand hier am Pazifik soll traumhaft sein. Hierhin kommen nur Einheimische. Der letzte Eintrag eines Ausländers in meiner Absteige ist datiert auf September 2013. In den kleinen Küstenstädtchen wie Puerto Saavedre oder Tirua schmiegen sich Holz und Blech zu unstabilen Häusern zusammen. Es gibt offizielle Tsunami-Fluchtwege und ich bekomme ein Abendmahl für zweieinhalb Dollar. Auf den Haarschnitt für eineinhalb Dollar verzichte ich, zumindest vorerst. Es gibt wohl gute Gründe wieso über 40 Prozent der Chilenen in Santiago wohnen. In ländlichen Gegenden über die Runden zu kommen, ist schwierig. An einer Uni zu studieren scheint der einzige jedoch teure Ausweg für die Jugend aus den kleinen Nestern. Hingegen erhoffen sich die Campesinos hier ein friedliches, ja einfaches Leben ohne die lauernden Gefahren der Grossstadt.

Die Australier haben die Aborigines, Nordamerika die Indianer und Chile die Mapuche, die Gallier der Indioszene. In dieser Gegend wohnt ein grosser Teil der Rebellenkultur, welche rund eine Million Menschen zählt. Zuerst wurden sie von den Inkas unterdrückt, dann von den spanischen Konquistadoren und in den letzten Jahrzehnten von chilenischen und argentinischen Militärs. Sie waren die einzigen, die vor 500 Jahren nach erbitterten Kriegen mit den Spaniern die Unabhängigkeit erreicht haben. Sie verschleppten den damaligen Gründer von Santiago, Pedro de Valdivia und zwangen ihn, flüssiges Gold zu trinken. Lecker. Heute fristen die Mapuche eher ein armseliges Dasein. Und das Kriegsbeil ist noch lange nicht begraben, die Mapuche sind ein sehr widerspenstiges Volk. Gemäss Presseberichten beabsichtige Microsoft für die Randgruppe eine Version von Windows XP in ihrer Sprache „Mapudungun“ zu veröffentlichen, ohne die Mapuche zu informieren. Au weia. Die Mapuche-Führer klagten gegen Bill Gates. Was für eine Verletzung geistigen Eigentums.

An der Küste geht die Reise weiter nach Concepción und via Panamericana nach Curicó. Ich buche die Sonnenklasse. Auf dem Weg zum Nationalpark Randal Siete Tazas durchquere ich etliche Weingüter. Chile ist eines der weltweit wichtigsten Weinanbaugebiete und exportiert über 70 Prozent ihrer Weine. Als vor über 100 Jahren de Reblausepedemie in Frankreich ausbrach, suchten die Winzer in Chile eine neue Lebensgrundlage. Mit dabei im Rucksack, die Rebsorten Merlot und Cabernet Sauvignon. Aufgrund der 250 Sonntage in Chile gedeiht auch die in Europa bereits ausgestorbene Traubensorte Caraminiere wunderbar. Probieren lohnt sich!

Zur Bildgalerie von Tirua und Siete Tazas

Auch wenn hier das Haushaltsbudget wenig Spielraum lässt, ein grosser Fernseher gehört in jede Art von Behausung. Vor allem für das Mitfiebern bei Telenovelas, die lateinamerikanische Antwort auf TV Serien wie; Gute Zeiten schlechte Zeiten, Dallas, 21th Jump Street oder Friends. Alle Altersklassen verfallen der Sucht. Ich versuche hin und wieder mit jemandem eine Unterhaltung zu starten während die vielleicht 537. Folge einer bekannten chilenischen Telenovela läuft (es gibt in Chile über 40 davon), was meistens in einem Monolog endet. Die starren Augen glänzen zur heiligen Telenovela-Zeit nur für die Protagonisten. Meistens ein schauspielerisches Debakel. Youtube offeriert zu diesem Thema gute Praxisbeispiele.

 

2 Kommentare

  1. Hallo Claudio, ist ja toll dein Bericht. Und die Bilder! einfach fantastisch diese Lebensfreude, die ausgestrahlt wird! Nur schon vom Zuschauen der Fotos des colour runs und der Naturbilder werde ich glücklich. Schreibst du alles selber oder aus einem Buch, ist total spannend. Du siehst richtig erholt aus, aber denk auch an deine Leber, zwischendurch viel Wasser trinken! Ich stelle fest, dass ich einiges verpasst habe im Leben, geniess es! Lieben Gruss christina

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    1. Hey Christina
      Danke für das Lob und den lieben Kommentar. Auf Reisen funktioniere ich wie ein Schwamm und versuche das Erlebte möglichst authentisch wiederzugeben. Ja ich schreibe alles selber – freut mich, dass es dir gefällt.
      Das mit dem Wasser ist ein guter Hinweis, das fällt mir vielfach etwas zu spät wieder ein;-) Chile ist ein unglauch spannendes Land. Nicht nur die Natur, auch die Leute und die Geschichte sind der Wahnsinn. Lieber Gruss in die Schweiz

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