Wäre die Welt eine Scheibe, würde ich jetzt meinen Sicherheitsgurt enger schnallen. Auf der „ruta del fin del mundo“ düse ich nach Puntas Arenas in Begleitung einer surreal weitläufigen Pampa. Die Strasse vermischt sich mit dem Horizont, Wolken berühren den Boden, Schafe wuchern. Scharen von zeitweise tausend Wollkneuel pro Hektar fressen sich durch das gelbgrüne Grass. Ich staune, auch ab der Situation im Bus. Während meine Hand- und Gesichtsabdrücke langsam am Fenster verdunsten, schlafen alle. Die Flora scheint hier schon lange niemandem mehr zu imponieren.

Verschiedene Länder auf dem Flugweg zu mischen schlägt in Südamerika ziehmlich schnell aufs Reisebudget, daher skippe ich Ushuaia und besteige knapp vor der geschichtsträchtigen Magellanstrasse und dem argentinischen Feuerland das Flugzeug nach Puerto Montt. Die Magellanstrasse ist übrigens kein geteerter Zubringer sondern eine breite Meeresfurche, benannt nach seinem Entdecker, dem Portugiesen Ferdinand Magellan, der unter der spanischen Krone segelte. Wäre er nicht unterwegs getötet worden, würde man ihn heute noch als den ersten Weltumsegler preisen.

Chile belegt in der Lachszucht weltweit knapp hinter Norwegen den zweiten Platz. Die Hafenstadt Puerto Montt dient als Mittelpunkt der Zucht- und Exportindustrie. Mein unpatriotischer polnischer Travelbuddy und ich schlafen in dieser Nacht kaum. Als die Besitzerin in Alpaka-Mütze und dazu passendem Alpaka-Pullover auftauchte, hätte ich bereits ahnen sollen, dass das Hostel keine Heizung hat. In Banden organisierte Strassenhunde jaulen für uns ein Gutenachtkonzert. Sonst läuft alles perfekt, ich bin schnell organisiert und ziehe bereits am nächsten Morgen weiter zur Mapuche-Hochburg Temuco um von dort den Bus nach Curacautin zu erwischen. Die insgesamt acht Stunden Busfahrerei in Richtung Norden bekomme ich für knapp neun Dollar. Am Schalter werde ich gefragt, ob ich Sonne oder Schatten bevorzuge. Genial dass man hier das Wetter gleich mitbuchen kann. Mit jeder Stunde Fahrt steigt die Temperatur um ein Grad und das südamerikanische Flair nimmt entsprechend zu. Salsa scheppert, reife Früchte warten, es wird nach potentiellen Erdnusskäufern gerufen.

Den deutschen Einfluss erkennt man hier im Süden vor allem an den Kuchenläden. Nach dem zweiten Weltkrieg strömten bekanntlich viele Ex-Nazis hierhin. Aber nicht nur. Chile suchte schon vor über 100 Jahren offiziell nach freiwilligen Europäern für die Besiedlung des Südens.

Der Nationalpark Conguillio sei einer der Schönsten, behaupten viele Chilenen. Ich bleibe. Mit einem Kanadier erkunde ich die Umgebung des majästetischen Vulkans Llaima. Wir wandern durch grauschwarze Mondlandschaften aus Basaltlava und geniessen den wolkenfreien Tag. Glasklare Seen runden das Erlebnis ab. Keine Touristenscharen, nur wenige Chilenen. Den Rückweg nach Curacautin nehme ich allein in Angriff. Wie närrisch von mir zu glauben, dass es einfach werden würde. Stückweise werde ich von drei verschiedenen Wohltätern mitgenommen, bis auf die letzten 40 Kilometer. Meine Ausdauer wird schlussendlich trotzdem belohnt. Eine Familie aus Santiago nimmt mich mit. Sie mögen mich. Zum Abschied kauft mir die Mutter unaufgefordert warmes Brot und wünscht mir alles Gute. Ich bin beflügelt.

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Die lokale Busse „Buses rurales“, passender wäre wohl „buses rusticales“, begeistern mich jeden Tag aufs Neue. Ich spare pro 50 km mindestens eine Dollar und darf dafür sogar länger fahren als mit den grossen Unternehmen. Und wo sonst besteht so ein kollegiales Verhältnis zwischen Busfahrer und Passagier. Man grüsst sich. Der Fahrer hilft beim Aussteigen und hält vor jeder Haustüre.

Finster sieht es aus, als ich frühmorgens zum Malalcahuello Nationalpark aufbreche. Regen nieselt. Junge Hotelmitarbeiter schmuggeln mich ungesehen und kostenlos in den Park. Ein neugieriger Graufuchs schenkt mir seine Aufmerksamkeit einige Zeit. Ich verweile am Krater Navidad, sozusagen die kleine Zehe des Vulkans Lonquimay und staune wie schnell sich das Wetter zu meinen Gunsten ändert. Vulkane mochte ich schon immer, vor allem wenn man sie im Sommer besteigen und im Winter darauf Snowboarden kann. Die Hälfte des Rückwegs verbringe ich auf der Ladefläche eines Jeeps, die andere Hälfte in einem offiziellen Taxi aus Santiago – Gratis.

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