Die Andenrepublik Chile ist neben Uruguay südamerikas teuerstes Reiseland und arbeitet sich gerade von der letzten „Schwelle“ empor. Leider liegt das (noch) längste Land der Welt auf der falschen Erdplatte. Diese schiebt sich gerade langsam aber zielstrebig unter die Argentinische. Die chilenischen Kindeskinder können also bald die Staatsbürgerschaft ihrer Nachbarn beantragen.

Ein kleiner Rückblick in die jüngste und bewegende Vergangenheit. Zu Zeiten der kubanischen Revolution unter Fidel Castro wurden auch die Chilenen wachgerüttelt. Sie drängten nach Veränderung. Salvador Allende wurde Staatspräsident. Der Linke Chilene und Freund Castros bescherte dem Volk ein soziales Regierungssystem, festgefrohrene Preise und Löhne, Verstaatlichung sowie Zwangsenteignung. Und bekam viele Feinde. Washington und Nixon wollten neben den kommunistischen Sowjets kein zweites Kuba und unterstützten unter anderem mittels CIA das chilenische Militäroberhaupt Augusto Pinochet, welcher mit einen Putsch die Regierung an sich riss (1973). Auch die Sowjetunion half Allende nicht. Das wirtschaftliche Desaster des Castro-Regimes war teuer genug für die geschwächte sowjetische Staatskasse. Allende begann Selbstmord (oder wurde ermordet) und 17 Jahre Schrecken kamen über das Land. Knapp 30’000 politische Gefangene, mehr als 3’000 „verschwundene“ Gegner und über 200’000 ins Ausland Vertriebene gehen auf das Konto des Diktators. Kurz vor Pinochets natürlichem Tod fand man 27 Millionen Dollar auf seinen Konten in den USA, Panama und der Schweiz. Das Volk brauchte Jahrzehnte um sich vom desaströsen Scherbenhaufen und der hohen Inflation zu erholen. Der Roman „Der letzte Tango des Salvador Allende“ gibt einen guten Einblick in jene Zeit.

Die Probleme sind noch lange nicht gelöst, es harzt. Wenige habe viel. Vor allen die Wut der Jugend steigt. Das Bildungssystem Chiles gilt als das teuerste der Welt. Die Studenten-Demonstrationen letztes Jahr mit über 120’000 Teilnehmern beweist den jugendlichen Frust. Wer studiert, zahlt 20 Jahre lang nachträglich hohe Rechnungen und startet hochverschuldet in die Berufskarriere. Studieren ist in Chile heute genau so teuer wie ein Kredit zum Bau eines Eigenheims. Aber neu regiert ja die charismatische Sozialistin Michelle Bachelet. Und alles wird gut, oder vielleicht noch besser.

Über die famose Ruta 40, die vom Süden Argentiniens bis ganz in den Norden führt, fahre ich nach Puerto Natales, das Tor zum Nationalpark Torres del Paine in Chile. Im Gegensatz zum touristischen El Calafate die willkommene Abwechslung. Klein und gemütlich. Mit Sandro aus Zürich und Timo aus Westfalen verbringe ich hier kurzweilige Abende. Crazy Bill und seine Leute vom Hostel „Erratic Rock“ zaubern ein sagenhaftes Frühstück mit selbstgebackenem Brot und frischen Omelettes. Ich staune.

Abenteurer aus aller Welt pilgern hierher um sich auf die patagonische Perle vorzubereiten. Neben den beiden Polen und Grönland ist das leicht westlich gelegene chilenische Inlandeis die weltweit grösste zusammenhängende Eismasse. Milchblau glitzernde Seen und farbige Gebiergsketten säumen die abwechslungsreiche Landschaft. Patagonisches Wetter ist unberechenbar, jeder Quadratmeter hat sein eigenes Mikroklima. Mit 80 km/h prescht mir die Natur Schneeregen ins Gesicht um mich gleich darauf mit warmen Sonnenstrahlen zu versöhnen. „Nunca se sabe“. Überall herrscht eine wohltuende Stille. Ab und zu begleiten Donnergeräusche die brechenden Gletscherspitzen. Zahlreiche Flüsse plätschern. Ich mag die populäre und vielversprechend angebotene W-Route und wandere jeden Tag euphorisch fünf bis zehn Stunden. Bewaffnet mit einer überlebensnotwendigen Stirnlampe und einer guten Portion Leichtsinn wandere ich um 3:00 Uhr morgens auf steinigen Wegen hoch zum Ausichtspunkt „Base Torre“, gewillt den mystischen Sonnenaufgang zu erleben. Was für ein Anblick! Eine gräuliche Mischung aus Wolken und Nebel, gekrönt mit Regen aus allen Richtungen. Demoralisiert stapfe ich zurück in das warme Refugio und lege mir den gleichen Plan für den nächsten Morgen zurecht.

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Die parkeigenen Pumas sind den Besuchern freundlich gesinnt und machen keinen Ärger (obwohl der seit einigen Tagen vermisste Argentinier vielleicht das Gegenteil behaupten würde). Einige der noch verbleibenden Kondore schweifen. Die enorme Flügelspannweite wird mir erst richtig bewusst, als ein besonders selbstbewusstes Exemplar wenige Meter über meinen Kopf gleitet. Den Lunch hatte der Vogel zum Glück bereits in seinen Klauen. Ich erinnere mich an den Film „Into the Wild“ und sehe mich in einer ähnlichen Situation, ur etwas bequemer, etwas kostspieliger. Dass in dieser Region bereits vor 12’000 Jahren begeisterte Urpatagonier herumstreiften, verwundert kaum. Die Landschaft ist rauh, aber malerisch.

Zur Bildgalerie von Patagonien, Torres del Paine

Der Mix an internationalen Reisenomaden ist vielseitig und bereichernd. Diskussionen sprudeln. Neben einer Schatzkiste voller Reise-Know-How erfahre mehr über den Gründer von Northface und Esprit, Douglas Tompkins. Vor mehreren Jahren verkaufte der Amerikaner seine Firmenanteile und ersteht seither in Patagonien peu à peu neue Landflächen, mit der Absicht ein neues Bioparadies zu erschaffen und die Industrialisierung aufzuhalten. Mittlerweile besitzt der ehemalige Modezar mehr Land als jeder andere Mensch auf der Welt. Seine persönliche Einstellung zur nachhaltigen Landentwicklung kannte ich ja bereits aus dem deutschen Film „Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Natürlich kennt Douglas die PR-Tricks und verkauft sich selbst als Wohltäter mit guten Alibi. Viele Chilenen sehen die Situation etwas anders und sind Douglas gegenüber eher negativ eingestellt. Ein Natur-Disneyland mit Sessellift ist nicht gerade das, wovon die ärmere patagonische Sippschaft träumt. Tompkins winkt ab. Sein Ziel sei es, alle seine Ländereien, Regenwälder und Farmen zu verschenken. Sobald die Regierungen von Argentinien und Chile ihm versicherten, seine Schöpfung zu bewahren, sei der Tag dafür gekommen. „Sieben solcher Projekte laufen derzeit“, berichtet Tompkins. Mehrere Nationalparks hat er bereits abgegeben.

Danke Patagonien, das Reiseleben hat mich endgültig gepackt. „Estoy caminando sobre las nubes!“

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