Aller Anfang ist schwer. So strande ich bereits nach ein paar Kilometer in meinen geliebten Heimatflughafen Zürich. Meine romantische Vorfreude auf einen abenteuerlichen Lebensabschnitt, die reibungslose Planung, der dramatische Abschied von meinen Geliebten weicht augenblicklich grenzenlosem Frust gepaart mit einer guten Prise Hass. Fluege.de mag vielleicht die umsatzstärkste Buchungsplattform Deutschlands sein, hat jedoch Mühe mit dem Kerngeschäft. Wie zum Beispiel die Koordination von Flugbuchungen oder Fingerspitzengefühl bei der Kundenberatung im Falle eines selbstverschuldeten Missgeschicks. Angepasste Flugzeiten müssen validiert werden, erst dann gilt die Flugbuchung in den übergreifenden Systemen der Airlines als bestätigt. „Ich finde Ihre Buchung nicht im System“, meint der verdutzte Mitarbeiter am Check-In. Hätten die darauf folgenden Telefonabklärungen im Wert von 80 Euro zwischen den Taugenichtsen von fluege.de und dem zuvorkommenden Mittelsmann bei Swiss zehn Minuten länger gedauert, würde ich meine Reiseträume vorerst gegen ein Zugbillet retour und vor allem Zeitaufwand mit meinem Rechtsschutz eintauschen. Für das später eintrudelnde Email zur Erforschung der Kundenzufriedenheit nehme ich mir dann gerne etwas Zeit. Dass aufgrund einer Fehlinformation der Swiss mein Gepäck einsam in Buenos Aires übernachtet, ist nur eine kleine Überraschung. Eher eine unbedeutende Lappalie. Als ich einen der unzähligen Strassenhunde in El Calafate beim Markieren meines nachgelieferten Sack und Pack erwische, freue ich mich zugleich auf glorreichere Erlebnisse.

Um sich an das Reiseleben in Südamerika zu gewöhnen, sind Argentinien und Chile ja bekanntlich sehr praktische Einstiegsländer, da sie ein Hauch von europäischem Lifestyle mitbringen. Ausgangspunkt für meine Reiseroute ist der gemütliche Ort El Calafate im argentinischen Teil von Patagonien, wo rund 90 Prozent der 20’000 Einwohnern für touristische Bedürfnisse arbeiten (1946 war es noch ein staubiger Ort mit rund 100 Einwohnern). El Calafate gleicht heute eher einem holzigen Legoland mit unzähligen Reisebüros und einer Flut von Restaurants, die Teigklumpen mit undefinierbarem Belag anbieten und es wagen ein Pizzeria-Schild über ihr Geschäft zu hängen. Als Fleischliebhaber bin ich hier aber absolut richtig, 400 Gramm grilliertes Rindfleisch kostet knapp 15 Dollar, somit verzichte ich vorerst auf die Selbstversorgerküche und labe mich an den Leibern der Pampa-Rinder.

Der Grund wieso so viele Reisende aus aller Welt wie auch die meisten Argentinier früher oder später nach El Calafate kommen, ist der majestätische Gletscher „Perito Moreno“ im nahegelegenen UNESCO Welkulturerbe Nationalpark Los Glaciares. Mir erschien es zuerst etwas widersprüchlich, dass sich diverse Touristen an Whiskey mit Gletschereis erfreuen, während unsere geliebten Eisberge so rapide schmelzen. Jedoch ist der Perito Moreno ein Gletscher, welcher gemäss Statistiken glücklicherweise gleichmässig schrumpft wie auch wächst. Wahrlich ein sagenhafter Anblick zu sehen und zu hören wie es knirscht, knackt und kracht während der Gletscher in den Lago Argentino kalbt.

Zur Bildgalerie von Perito Moreno

Mein Weg führte dann nach El Chaltén, das Trekking Mekka der Region Santa Cruz mit dem Ziel einige Wanderungen rund um das Fitz Roy-Massiv zu unternehmen. Der Berg verdankt seinen Namen dem damaligen Kommandanten der „Beagle“. 1831 stach die Beagle unter Robert FitzRoy mit dem Ziel Südamerika von Devonport aus in See. Der Kommandant nahm auf eigene Verantwortung Charles Darwin mit auf die Reise. Auf dieser Fahrt gewann Darwin die Erkenntnisse, aus denen er später seine Evolutionstheorie entwickelte; bedeutend dafür war auch der Besuch auf den Galápagos-Inseln 1835.

Die Natur auf dem Weg von El Calafate nach El Chaltén besteht mehrheitlich aus bräunlichen Steppen, Büsche wuchern in diversen Farben. Auf dem öden Land weiden wilde Guanacos und Strausse, aber auch einige stolze Pferde tollen auf den Estancias herum. Ansonsten ist Patagonien ja ein sehr fruchtbares Gebiet mit vielen Gletschern, Seen und Wäldern (deshalb auch die Argentinische Schweiz genannt).

Auf einsamen Pfaden streife ich durch die malerische Natur von El Chaltén mit haufenweise grossgewachsener Bonsais, Bergen und Gletscherlagunen. Da ich als unerfahrener Wanderer keine Ahnung von meiner Schmerzgrenze habe, setze ich alles auf eine Karte und versuche mich an zwei Hikes innerhalb zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Als Appetithappen nehme ich eine 7-Stunden-Wanderung zur Laguna torre in Angriff und am Folgetag dann die Hauptspeise, eine 9 Stunden-Wanderung zur Laguna de los tres, beides gelegen am Fusse des Fitz Roy. Meine Euphorie wechselt gegen Mittag des zweiten Tages in ehrenhafte Entschlossenheit und auf dem Rückweg in eine von Schmerzen begleitete Frustration. Meine Gefährten aus Israel und Südkorea machen sich ernsthaft Sorgen um den humpelnden Schweizer als plötzlich Kondore über uns auftauchen.

Zur Bildgalerie von El Chaltén

 

4 Kommentare

      1. Hoi lieber Claudio , freut mich sehr dass ich Deine Reise mitverfolgen kann..Ich wünsche Dir alles Gute und viel Spass dabei…Rita aus Wildhüüsli

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